Lautstarke Anmache

Damhirsche pflegen ein phonstarkes Brunftritual: Die Ranghöchsten röhren sich die Kehle heiser und überzeugen so die Weibchen von ihren Qualitäten. Weshalb sie damit jedoch bereits drei Wochen vor der fruchtbaren Zeit anfangen und was sie mit ihrer Stimme sonst noch mitteilen, wollen Verhaltensbiologen der Universität Zürich nun herausfinden.

Brigitte Blöchlinger

Für Damhirsche ist die Brunftzeit eine anstrengende Phase des Werbens (Bild: Billy Clarke, University College Dublin)

Normalerweise haben die Damhirsch-Männchen und -Weibchen des Phoenix Park in Irland nichts miteinander zu tun. Die einen leben am einen Ende des über 700 Hektaren grossen Gebietes, die andern am andern. Um den 22. September herum ändert sich das vornehme Aus-dem-Weg-Gehen jedoch schlagartig. Der grösste und stärkste der fortpflanzungsfähigen Damhirsche beginnt zu röhren. Die Brunft ist eröffnet.

Werben aus der Ferne

Die Forschergruppe um Alan McElligott und dessen Doktorandin Elisabetta Vannoni wird den Damhirsch-Männchen aufmerksam zuhören. In den drei Wochen davor werden die Verhaltensbiologinnen und -biologen bereits notiert haben, wie die Hierarchie in der Männergruppe aussieht, wer wen dominiert. Dann geht es darum herauszufinden, weshalb das dominanteste Tier bereits drei Wochen vor der Paarung mit Rufen anfängt. Denn das Röhren ist nicht «gratis», es kostet die Männchen einiges an Energie. Sie verlieren zirka 25 Prozent ihres Körpergewichts bis zum Ende der Brunftzeit.

(Bild: Billy Clarke, University College Dublin)

10% der Männchen für 80% der Weibchen

Vermutlich geht es um lautstarkes «Anmachen» der Weibchen. Da man sich das ganze Jahr über nicht sieht, scheint Werbung in eigener Sache angebracht. Schliesslich müssen die läufigen Weibchen merken, wer bei den Männchen das Sagen hat. Denn nur gerade drei bis vier der sechs- und siebenjährigen Hirschböcke können sich als «Supermänner» durchsetzen und erhalten in der Folge das Recht, die meisten der Weibchen zu besamen. Der Rest der Männchen geht leer aus.

Röhren bis zur Erschöpfung

Die «Supermänner»sind die aktivsten Rufer. Ohnehin haben die Damhirsche die höchste Rufrate aller Hirscharten. Bis zu dreitausend Mal pro Stunde röhren sie während der Brunftzeit. Wenn es zur Begattung geht, ist die Frequenz der Rufe am höchsten. Zwischen den dominanten Männchen herrscht während dieser Phase ein regelrechter Rufwettbewerb. Kein Wunder, dass die «Supermänner» mit der Zeit heiser werden und ihre Stimme entsprechend tiefer tönt.

(Bild: Billy Clarke, University College Dublin)

Tiefe Stimme beeindruckt

Alan McElligott und sein Team wollen auch zu diesem Aspekt ein paar Hypothesen klären. Vermutlich hängt das Absinken der Stimme nämlich direkt mit dem Gewichtsverlust der erfolgreichen Männchen zusammen: Je ausgezehrter das Tier, desto tiefer seine Stimme. Für die andern Männchen könnte diese lautliche Veränderung das Zeichen zur Revolte bedeuten. «Im Sinne von: Aha, er wird langsam schwach, lasst uns ihn herausfordern», erklärt McElligott eine mögliche Interpretation der Heiserkeit durch die untergeordneten Männchen. Sollten diese dann tatsächlich vermehrt die heiseren «Supermänner» herausfordern, kann die Hypothese als erwiesen angesehen werden.

Stumme Weibchen mit Mitbestimmung

Auch soll mittels Playback-Experimenten herausgefunden werden, ob die Männchen sich an ihrem Röhren identifizieren können und ob (künstlich) tiefer gestimmtes Röhren die untergeordneten Tiere stärker beeindruckt als eine hohe Stimmlage.

(Bild: Billy Clarke, University College Dublin)

Die Weibchen sind stumm während der Paarungszeit. Was aber nicht bedeutet, dass sie keinen Einfluss auf das Geschehen hätten. Im Gegenteil. Sie sind es, die wählen aus den werbenden und rivalisierenden Hirschböcken.

Forschungskredit bekannt bei Biologen

Es ist das erste Mal, dass Alan McElligott einen Forschungskredit der Universität Zürich erhalten hat. Doch das Geld reicht nicht für das ganze Projekt. Zusammen mit der Abteilung Verhaltensbiologie der Universität sucht der Damhirsch-Spezialist deshalb nach weiteren Finanzierungsquellen. Trotzdem schätzt er den Forschungskredit als «schnelle und unbürokratische Unterstützung».

(Bild: Billy Clarke, University College Dublin)

Brigitte Blöchlinger ist Journalistin BR und Mitarbeiterin von unipublic.

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