In Therapie bei Kierkegaard

Religiöser Glaube, so meinen viele, ist nichts für denkende Menschen. In seinem religionsphilosophischen Dissertationsprojekt an der Theologischen Fakultät versucht Johannes Corrodi, dieses und andere Vorurteile auszuräumen. Unterstützung erhält er dabei von Sören Kierkegaard - und vom Forschungskredit der Universität Zürich.

Christoph Ammann

Sören Kierkegaard (Bild: Internet)

Der dänische Philosoph Sören Kierkegaard (1812-1855) gehört wohl zu den einflussreichsten und schillerndstenPhilosophen derNeuzeit. Seine Schriften werden nicht nur in Philosophie und Theologie bis heute rege diskutiert. Ist zu diesem Denker denn nicht allmählich alles gesagt? Im Gegenteil, findet Johannes Corrodi, der sich im Rahmen seiner Dissertation mit Kierkegaards Verständnis der Religion beschäftigt. Zwar treffe es zu, dass zurzeit insbesondere im angelsächsischen Raum, wo Corrodi sich zu Forschungszwecken zwei Jahre aufhielt, ein eigentlicher Kierkegaard-Boom festzustellen sei. Aber gerade die religionsphilosophischen Aspekte seines Denkens würden dabei erstaunlich wenig erforscht. Viele Forscherinnen und Forscher behandelten die religiöse Dimension von seinen Schriften eher wie einen historischen Zu- oder Unfall, jedenfalls als etwas, was für das Verständnis von Kierkegaards Philosophie keineswegs wesentlich sei. Dass ein so brillanter Denker wie Kierkegaard sich so intensiv mit Religion auseinander gesetzt hat, scheint vielen geradezu peinlich zu sein.

Kierkegaards Anspruch Stand halten

Warum sollte man Kierkegaards Christentum nicht einfach als dessen «Privatsache» behandeln, es vielleicht psychologisch - er wuchs in einem frommen Milieu auf - erklären und aus seinem Werk eine nicht religiöse, zeitlos gültige Essenz heraus destillieren? - In einer solchen Haltung finden sich gleich mehrere der Fallen, in die Kierkegaard-Interpreten immer wieder tappen, und gegen die Corrodi in seiner Arbeit angeht.

Die erste Falle ist die der psychologisierenden Interpretation von Kierkegaards Schriften. Es steht ausser Frage, dass sich bei diesem zerrissenen, exzentrischen und äusserst vielschichtigenMenschen eine psychologische Herangehensweise geradezu aufdrängt. Corrodi spricht einem solchen Ansatz die Berechtigung denn auch nicht ab. Doch eröffne er jedoch einfach nur eine Dimension von Kierkegaards Schriften, undnicht mehr. Das Problem bestehe darin, dass dabei leicht ein wesentliches Moment von Kierkegaards Philosophieren aus dem Blick gerät: die Konfrontation des Lesers mit seinem eigenen Denken.

Philosophie als Therapie

Kierkegaard spricht, wie kaum ein anderer Philosoph, immer zu uns als Individuen. Er will provozieren, aufrütteln, uns den Spiegel vorhalten, uns mit unseren Widersprüchen konfrontieren. Er will nicht theoretisches Wissen vermitteln, sondern jeden einzelnen von uns vor eine existentielle Entscheidung stellen: Welche religiösen Annahmen leiten mein Denken? Wie vor ihm Sokrates und nach ihm Wittgenstein versteht er seine Philosophie nicht als Theorie, sondern als Therapie. Eine psychologisierende Deutung, die, statt auf den herausfordernden Inhalt, gleichsam durch den Text hindurch auf die Psyche des Autors schaut, geht diesem Anspruch aus dem Weg und erweist sich als eine Form der Selbstimmunisierung.

Ähnlich problematisch ist eine abstrakte Interpration seiner Texte: Wer meint, Kierkegaards Schriften ihrem zeitlichen Gewand entkleiden und aus ihnen eine Essenz in Form einer wahren philosophischen Theorie gewinnen zu können, entzieht sich ebenfalls der existentiellen wie intellektuellen Konfrontation, die der religiöse Schriftsteller Kierkegaard seinen Lesern zumutet. Man entledigt sich des Unbequemen und Widerständigen, indem man es zur zeitbedingten Nebensächlichkeit erklärt.

Wenn Wissenschaft zur Religion wird

Neben Psychologisierung und Abstraktion wendet sich Kierkegaard - und in seinen Fussstapfen Corrodi - gegen den Reduktionismus. Sätze wie «Das ist doch nichts weiter als ...» machten Kierkegaard skeptisch. Nicht zuletzt dadurch blieb sein Denken ungebrochen aktuell. Gerade in Zeiten, wo im Namen der Wissenschaft Slogans wie «Liebe - nichts als chemische Prozesse» kursieren und sich beispielsweise Gehirnwissenschafter rühmen, die Antworten auf alle menschlichen Fragen gefunden zu haben, lohnt sich die Beschäftigung mit einem Philosophen wie Kierkegaard, dessen Denken sich hartnäckig gegen jede reduktionistische Deutung und damit zugleich gegen jede Vereinnahmung sträubt. Von Kierkegaard ist auch zu lernen, dass Wissenschaft, die sich - vielleicht sogar in religionskritischer Absicht - solcher reduktionistischer Strategien bedient, unweigerlich selbst zur Religion wird.

Arbeitet in seiner religionsphilosophischen Dissertation über Kierkegaard: Johannes Corrodi. (Bild: Christoph Ammann)

Plädoyer für die Forschungsvielfalt

Der Doktorand Johannes Corrodi bewegt sich, wie sein Dissertationssujet Kierkegaard, zwischen Philosophie und Theologie. Man spürt im Gespräch die Begeisterung für das Thema und auch etwas Bewunderung für den kompromisslosen Denker Kierkegaard, dessen ätzende Kritik sich gegen das bürgerlich und starr gewordene Christentum der damaligen Zeit richtete. Begeisterung für und Interesse an der Sache braucht es auch reichlich, um sich auf ein solches Projekt abseits des breiten Forschungs-Mainstreams einzulassen. Das grosse Geld wird die Untersuchung nicht einbringen, dazu bewegt sie sich zustark im Brachland jenseits von Drittmitteln aus der Wirtschaft. Umso dankbarer ist Johannes Corrodi für die finanzielle Unterstützung durch den Forschungskredit der Universität Zürich, der ihn in den nächsten Monaten von allen finanziellen Sorgen befreit. Der Forschungskredit als kräftiges Zeichen für die Vielfalt der Forschungslandschaft und als klare Absage an alle Versuche, die Wissenschaft auf das zu reduzieren, was sich rechnet? Nicht auszuschliessen, dass dieses Plädoyer für eine lebendige universitas litterarum selbst dem kritischen Sören Kierkegaard ein anerkennendes Kopfnicken abgerungen hätte.

Christoph Ammann ist Assistent für Öffentlichkeitsarbeit an der Theologischen Fakultät der Universität Zürich.

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