Studium digitale

Über 3500 Männer und Frauen beginnen in diesem Wintersemester ihr Studium an der Universität Zürich. Welche Rolle wird E-Learning dabei spielen? Erster Artikel in unserer neuen Reihe «E-Learning».

Peter F. Meurer

Susanne ist wählerisch. Wenn sie das Internet für Lernzwecke nutzt, will sie keine Spielereien, sondern gut strukturierte Informationen. Frank nutzt gerne Online-Tests, um ein objektiveres Bild von seinem Wissenstand zu bekommen. Und Dani nimmt schon mal Kontakt zum Dozierenden auf, wenn er in dessen E-Learning-Kurs Verbesserungswürdiges findet. Susanne, Frank und Dani gehören zu der grossen Gruppe von Studierenden, die Computer und Internet mittlerweile so selbstverständlich zum Lernen nutzen wie Vorlesung und Bibliothek.

Susanne Frei, Medizinstudentin: «Das E-Learning-Angebot ist besonders für die Vorklinik schon sehr umfassend.» (Bild: zVg.)

E-Learning - ein Begriff geht um dieWelt

Der Einsatz von E-Learning wird seit mehr als vier Jahren an der Universität Zürich systematisch gefördert. Das Angebot ist mittlerweile so vielfältig wie die Universität selbst. So erhalten Studierende der Orientalistik wöchentlich eine E-Mail, um sich gezielt auf ausgewählte Unterrichtsthemen vorzubereiten. Fragen zu einer Vorlesung über römisches Recht werden im Online-Forum diskutiert und die Grundlagen der Umweltwissenschaft kommen nicht nur mit einem umfassenden Skript daher, sondern auch mit der Möglichkeit, das frisch erworbene Wissen stressfrei online zu prüfen. Das alles und noch viel mehr ist E-Learning. Auf der offiziellen E-Learning-Homepage der Europäischen Union wird eine Definition angeboten, die im besten Beamtendeutsch beschreibt, was unter E-Learning zu verstehen ist: «Einsatz von Multimediatechnologie und Internet zur Verbesserung der Lernqualität durch den Zugriff auf Ressourcen und Dienstleistungen sowie für die Zusammenarbeit und den Austausch über weite Entfernungen hinweg.»

Frank Renold, Soziologiestudent: «Weil Internet für das Studium so wichtig ist, haben wir privat mit Students.ch eine eigene Plattform entwickelt.» (Bild: zVg.)

Die Maus frisst (keine) Kreide

Allen Prophezeiungen zum Trotz wird E-Learning nicht zu einer Revolution des Lernens und Lehrens führen. Kein Hörsaal wird wegen Internet&Co. geschlossen und keine Professorin entlassen. «Evolution statt Revolution» beschreibt das Veränderungspotential besser, das E-Learning eigen ist. Standen die Studierenden früher stundenlang am Kopierer, um Skripte oder Zeitschriftenaufsätze zu vervielfältigen, so landen diese heute mit einem Mausklick auf dem eigenen Computer - und müssen immer noch gelesen werden. Gewähren Archive nur mit Ausnahmegenehmigung Zugang zu kostbaren Originaldokumenten, so kann jeder immer auf deren virtuelle Abbilder zugreifen - ohne dass die Dokumente damit schon ihre Geheimnisse offenbart hätten. E-Learning erleichtert das Studieren, indem mehr und neue Möglichkeiten für die Darstellung von und den Zugriff auf Lerninhalte eröffnet wird.

Dani Höhener, Medizinstudent: «Die Universität soll weiterhin die Entwicklung von E-Learning fördern - es gibt noch viel brachliegendes Potential.» (Bild: zVg.)

Das Notebook allein macht noch keinen E-Learner

E-Learning birgt viele Schätze, aber wie das so mit Schätzen ist, sie wollen gefunden und geborgen werden. Drei Dinge brauchen die Studierenden hierfür: Interesse am Studienfach, computer literacy und information literacy. Ersteres ist für den gesamten Studienerfolg sowieso Ausschlag gebend. Computer literacy bezeichnet die Fähigkeit, Computer und Software zielorientiert bedienen zu können. Information literacy heisst, wissenschaftliche Information systematisch suchen, bewerten und einsetzen zu können. Um diese Kompetenz ist es aber gerade bei Studierenden (noch) schlecht bestellt, wie die «Stefi»-Studie aus Deutschland zeigt: «Positiv ist, dass das Internet zunehmend zum Informationsmedium Nummer 1 bei der Suche nach wissenschaftlicher Literatur geworden ist. Von einem systematischen Gebrauch dieses Mediums kann aber kaum die Rede sein.»

Unaufhaltsam

Das aber scheint die Studierenden nicht weiter zu kümmern. Sie nutzen E-Learning an der Universität Zürich immer mehr und immer selbstverständlicher. Eine aktuelle Auswertung der Medizinischen Fakultät zeigte beispielsweise, dass im Sommersemester 03 - verglichen mit dem Wintersemester 2002/03 - doppelt so viele Studierende die Virtuelle Ausbildungsplattform Medizin regelmässig und dann auch noch im Schnitt 50% länger aufsuchten. Eine kürzlich abgeschlossene Umfrage an der Juristischen Fakultät belegt, dass die Studierenden die E-Learning-Angebote schätzten und noch mehr davon wünschten. Die Nachfrage hat sich bereits soweit entwickelt, dass erste Beschwerden von studentischer Seite laut werden, wenn Lehrmaterial nicht vollständig und umgehend online zur Verfügung steht.

Mit dem Studium digitale hat sich das Lehr- und Lernangebot an der Universität Zürich nochmals erheblich erweitert. Die Studierenden können zwischen mehr Themen und Darstellungsformen wählen, sie haben mehr Gelegenheit zur Zusammenarbeit und zur Kommunikation mit Dozierenden und Kommilitonen. Ob die Studierenden die Chancen ergreifen, hängt nun von ihnen ab, weiss auch Frank. Er rät den Erstsemestrigen «ohne Hemmungen, aber auch kritisch alle Möglichkeiten auszuprobieren.»

Peter F. Meurer M.A. ist stellvertretender Leiter des E-Learning Centers der Universität Zürich.

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