Krafttraining fürs Hirn

Wer Altphilologie studiert, muss ständig darauf gefasst sein, nach dem Sinn und Nutzen des Studiums gefragt zu werden. Doch wer sich für solch ein Studium entscheidet, tut dies am allerwenigsten aus utilitaristischen Gründen.

Markus Binder

Thamar Xandry: «Ich habe bewusst ein Luxusstudium gewählt.» (Bild: Markus Binder)

Thamar Xandry winkt ab, und die beiden riesigen Ringe an ihren Händen verstärken ihre Geste noch: «Weshalb immer diese Frage nach dem Nutzen?» Xandry studiert Altgriechische und Lateinische Literatur- und Sprachwissenschaft sowie Klassische Archäologie an der Universität Zürich. Und sie studiert mit Leidenschaft. Trotzdem ist die 29-jährige Zürcherin es manchmal leid, ständig gefragt zu werden, was denn eigentlich so ein Griechisch- oder Lateinstudium bringt. Sie stellt den Sinn der Sinnfrage in Frage. Und beantwortet sie dann doch, weil sie ihr Studium liebt und weil sie weiss, dass es zum Altphilologie-Studium gehört, dessen Legitimation immer wieder zu erklären, gerade weil unsere Gesellschaft so utilitaristisch denkt. Deshalb hat auch der Schweizerische Altphilologenverband eine PR-Kommission gegründet, deshalb gibt es an fast jeder Kantonsschule eine Gruppe von Latein- und Griechischlehrern, die Werbung machen für ihr Fach, und deshalb können ganze Werbekampagnen aus dem Internet heruntergeladen werden, von Plakaten über Kleber bis zu Bonbons mit lateinischen Sprichwörtern.

Für Xandry war schon vor der Matura klar, dass sie Altphilologie studieren will. Sie fand Latein und Griechisch spannende Fächer und wollte an der Universität für diese mehr Zeit haben. «Ich habe bewusst ein Luxusstudium gewählt.» Nicht um anders oder elitär zu sein, sondern um ein Gesamtbild einer Epoche zu erhalten, um zu den Wurzeln der abendländischen Kultur vorzustossen.

Regina Füchslin: «Wir Altphilologen betreiben Hirnkrafttraining.» (Bild: mbi)

Ganz ähnlich argumentiert Regina Füchslin, die ebenfalls Griechisch und Latein studiert: «Wenn man Altphilologie studiert, eröffnen sich neue Dimensionen.» Wenn sie ein modernes Buch lese, erkenne sie oft alte Ideen oder Motive, was sehr fruchtbar sei. Auch sei es ein gutes Training fürs Hirn, die Struktur eines Satzes zu erarbeiten. «Wir Altphilologen betreiben Hirnkrafttraining.» Zum selben Ergebnis kommt auch eine Umfrage aus dem Jahr 2001 über dieBerufsaussichten von Altphilologen, welche im Auftrag des Schweizerischen Altphilologenverbandes und der Schweizerischen Vereinigung für Altertumswissenschaft durchgeführt worden ist. Journalisten, Dolmetscherinnen, Klavierlehrer, Bibliothekarinnen und Diplomaten erzählen, weshalb das Altphilologie-Studium sich für sie und ihren Beruf gelohnt hat. Doch Füchslin will nicht nur vom Nutzen sprechen, weil sonst die Freude, diese Werke zu lesen, vergessen gehe: «Gewisse Texte berühren mich sehr.»

Ganz vortrefflich kann auch Xandry von der Altphilologie schwärmen, und zwar im Präsens, so als ob sich alles erst gestern abgespielt hat: «Es ist unglaublich faszinierend, wie sich die frühe Lyrik ausformt, wie sich zum Beispiel ein Autorenbewusstsein bildet.» Im Moment schreibt sie an ihrer Lizenziatsarbeit über den griechischen Lyriker Archilochos.

Intellektueller Spitzensport: Altphilolog/innen dechiffrieren in mühsamer Kleinarbeit Textfragmente. Das verschafft ihnen Fähigkeiten, die in vielen Berufen nützlich sind. (Ausschnitt aus philosophischem Papyrus von Chrysippos, 3. Jh. v. Chr.) (Bild: zVg.)

Ein dritter Weg?

Xandry hat mit Stipendien studiert und nebenher gearbeitet, zuerst in einer Fabrik am Fliessband, später als Nachhilfelehrerin und als Lehrbeauftragte für Latein an Gymnasien, jetzt als Bibliotheksassistentin in einer Anwaltskanzlei. Lehrerin will sie nicht unbedingt werden, obwohl ihr das Unterrichten gefällt und obwohl zurzeit Stellen als Lehrbeauftragte relativ einfach zu erhalten sind. Die Schulen planen heute flexibler, weil sie nach der Abschaffung der fixen Maturatypen noch nicht genau wissen, wie viele Latein- und Griechischschüler sie in Zukunft haben werden. Xandry träumt vielmehr davon, nach einer Dissertation nicht einen der beiden klassischen Wege einzuschlagen, nicht Lehrerin und nicht Professorin zu werden, sondern einen dritten Weg zu finden. Sie träumt von einem Beruf in der Privatwirtschaft, der trotzdem mit ihrem Studium etwas zu tun hat.

Auch Füchslin weiss noch nicht, was sie machen will. Die 25-jährige Zürcherin ist ebenfalls auf der Suche nach einem dritten Weg. An der Universität möchte sie nicht bleiben, und ob sie Lehrerin werden möchte, weiss sie noch nicht, weil sie, abgesehen von einem Griechischkurs, den sie am Philosophischen Seminar hält, keine Unterrichtserfahrung hat. Füchslin hat zuerst an der ETH vier Semester Physik studiert, bevor sie an die Uni wechselte. Es sei ihr zu streng gewesen, Stundenplan und Übungen hätten keine Zeit gelassen für anderes. Ob die Physik für ihre Berufsmöglichkeiten sinnvoller gewesen wäre als das Altphilologiestudium ist ihr egal. Sowieso müsse sich jede und jeder die Sinnfrage dann und wann stellen, unabhängig vom Studienfach.

Markus Binder ist Historiker und Journalist BR.

Kommentar schreiben

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Unberücksichtigt bleiben insbesondere anonyme, ehrverletzende, rassistische, sexistische, unsachliche oder themenfremde Kommentare sowie Beiträge mit Werbeinhalten.

Anzahl verbleibender Zeichen: 1000