Marktmodelle für Wasserleitungen und Leitungswasser

Eine der letzten wettbewerbsfreien Bastionen in der Schweiz ist die Trinkwasserversorgung. Anstehende Strukturreformen könnten sie zum Fallen bringen. Eine Dissertation am Institut für betriebswirtschaftliche Forschung beschäftigt sich schon einmal mit möglichen Liberalisierungsmodellen. Die Arbeit wird hier vorgestellt als Auftakt zur neuen Porträtserie über Projekte aus dem «Forschungskredit 2003».

Carole Enz

Die Dissertation von Urs Meister analysiert die Liberalisierungsmöglichkeiten für den Wassermarkt. (Bild: T. Poppenwimmer)

Die Trinkwasserversorgung ist einer der letzten nahezu wettbewerbsfreien Wirtschaftsbereiche in der Schweiz.Die Gegner der Liberalisierung argumentieren, Wasser sei ein Grundgut des Menschen und gehöre daher zum Service public. Befürworter dagegen locken mit sinkenden Preisen.

In diesen bisher wenig sachlich geführten politischen Grabenkampf hakt die Dissertation von Urs Meister ein.Seine Arbeit mit dem Titel «Liberalisierung des Wassermarkts: Möglichkeiten einer Implementierung von Wettbewerb im Wassermarkt und die Auswirkungen auf Stufe der Unternehmung» schreibt er am Institut für betriebswirtschaftliche Forschung (IfbF) der Universität Zürich. Meisters Ziel ist, die Liberalisierungsmöglichkeiten für den Wassermarkt neutral zu analysieren. Ein Arbeitspapier zum selben Thema, das der Doktorand zusammen mit Reto Föllmi vom Institut für Empirische Wirtschaftsforschung verfasst hat, ist in Deutschland bereits auf grosses Interesse gestossen. Denn Deutschland steht wie die Schweiz vor einer Strukturreform im Wassersektor.

Zwei konkrete Marktszenarien stehen im Zentrum der Dissertation: der «Wettbewerb um den Markt» (Franchise-Bidding) und der «Wettbewerb im Markt» (Product-Market Competition). (Bild: pop)

Mehr Markt, billigeres Wasser

Meisters Dissertation zielt auf konkrete Marktszenarien ab. Zwei davon interessieren ihn besonders: der «Wettbewerb um den Markt» (Franchise-Bidding) und der «Wettbewerb im Markt» (Product-Market Competition).

Beim ersten Szenario geht es darum, das Staatsmonopol an das meistbietende Unternehmen zu versteigern. Das kann zwar für Regierungen verlockend sein, weil kurzfristig viel Geld in die Staatskasse gespült wird. Aus Sicht der allgemeinen Wohlfahrt wäre es aber verantwortungsvoller, das Monopol an jenes Unternehmen zu verkaufen, das den tiefstmöglichen Wasserpreis garantiert. Der Nachteil dieses Systems: Wettbewerb findet nur bei der Versteigerung statt.

Mehr Wettbewerb indes wäre möglich, wenn die Verteilnetze mehreren Wasserwerken zugleich zur Verfügung stünden. Darin besteht die zweite Liberalisierungsstrategie namens «Product-Market Competition». Urs Meister erklärt sie anhand eines Beispiels: «Nehmen wir an, ein Wasserwerk A müsste eine gesteigerte Nachfrage befriedigen. Statt grosse Summen zu investieren und so das Wasser zu verteuern, könnte es sein Verteilnetz einem anderen Werk B öffnen, so dass Werk B billigeres Wasser an die Kunden von A verkaufen könnte. Werk A erhebt dann eine Gebühr für die Benutzung seiner Leitungen und steigert damit seinen Gewinn. Und Werk B kann dank grösserem Wasserabsatz seine volle Kapazität nutzen.» Dies würde einerseits die Effizienz steigern und andrerseits zu einem Preissturz führen, der den Konsumenten zugute käme.

Meisters Arbeit soll nicht einer raschen Liberalisierung einen Freibrief ausstellen. (Bild: pop)

Heiss begehrte Resultate

Meister versteht seine Arbeit als neutrales Werkzeug im Entscheidungsprozess. Einen Freibrief will er einer raschen Liberalisierung nicht ausstellen. Vielmehr möchte er aufzeigen, welche Unternehmensform in welchem Fall die optimale ist. Sollte ein Wasserwerk eine Aktiengesellschaft, eine öffentlich-rechtliche Institution oder ein Gemeindebetrieb sein? Meister meint in diesem Zusammenhang: «Wettbewerb kann auch zwischen nicht privatisierten Betrieben stattfinden.» Ähnlich wie beim Steuerwettbewerb zwischen Kantonen könnten auch Gemeindebetriebe in Konkurrenz zueinander treten.

In zwei Jahren soll die Dissertation abgeschlossen sein. Die Schweiz wird sich bis dahin noch kaum für das eine oder andere Szenario entschieden haben. Meisters Resultate werden dann vermutlich heiss begehrt sein.

Dr. Carole Enz ist Wissenschaftsjournalistin.

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