Religionswissenschaft

Von toten Drachen und neuem Leben

«Hilfe, die Drachen kommen!» Wir schreiben das Jahr 2084. Unsere Erde wird heimgesucht von unheimlichen, fürchterlich intelligenten Wesen, gegen die die Menschheit machtlos ist. Nur ein paar Unentwegte sind übrig geblieben, die der gruseligen Übermacht Widerstand leisten.

Christoph Ammann

Still aus dem Kinofilm «Reign of Fire» (Bild: Internet)

Der Film «Reign of Fire» («Die Herrschaft des Feuers»), der vor gut einem Jahr in den Schweizer Kinos lief, erzählt den altenMythos vom Kampf der Menschheit mit den Drachen. Passend dazu gibt’s ein Videospiel, in der jeder seinen ganz persönlichen Drachenkampf am Computer ausfechten kann. Gut möglich, dass Anna-Katharina Höpflinger sich zuweilen vorkommt wie in dieser virtuellen Welt. Seit ein paar Wochen schreibt sie an ihrer Dissertation über das Motiv des Drachenkampfs. Zwar untersucht sie weder Fantasy-Filme noch Science - Fiction - Literatur, aber das Motiv des Drachenkampfs hat ja schliesslich auch eine lange Geschichte. Anna-Katharina Höpflinger ist Religionswissenschaftlerin, und ihr Thema sind Darstellungen solcher Kämpfe zwischen einer Gottheit oder Heldengestalt und einem Schlangenwesen, vorzugsweise aus dem altorientalischen (mesopotamischen) und dem griechisch-römischen Kulturraum. Was interessiert die junge Forscherin an diesem ausgefallenen Thema?

Zeus kämpft gegen das Ungeheuer Typhon. Abbildung auf einer griechischen Vase aus der Staatlichen Münchner Antikensammlung. (Bild: zVg.)

Die Faszination der Bilder

Es sind die Bilder, die es ihr angetan haben, genauer die Frage nach dem Verhältnis von Bild und Text. Am Anfang stand ein Seminar zu «Bild und Text als Codierungsformen von Religion», und am - vorläufigen - Ende ihrer Beschäftigungen mit dem Thema soll ihre Dissertation stehen, bei der neben inhaltlichen Einzelanalysen von Bildern auch methodische Fragen im Zentrum stehen sollen: Wie vermitteln sich religiöse Inhalte über bildliche Darstellungen? Welche Methodik der Bilderanalyse lässt sich für die religionswissenschaftliche Arbeit fruchtbar machen? Vor zwei Jahren war Anna-Katharina Höpflinger die erste Lizentiatin in Religionswissenschaft in Zürich. Nun ist sie eine der ersten, die inReligionswissenschaft promovieren.

Junge Religionswissenschaft

Der Zürcher Studiengang Religionswissenschaft, gemeinsam getragen von der theologischen und der philosophischen Fakultät, steckt immer noch in den Kinderschuhen. Entsprechend wichtig sind Projekte wie dieses, das vom Forschungskredit der Universität Zürich unterstützt wird. Was ist die Motivation für Höpflinger, diesen ganz persönlichen Drachenkampf gegen die kaum zu überblickende Publikations- und Bilderflut auszutragen? Es ist - sagt sie - «das pure Interesse» an der Sache. Diese Suche nach jenem flüchtigen Moment, in dem sich eine Erkenntnis oder doch eine Hypothese einstelle, sei der Motor ihrer Forschung: «Diese Momente geben einem viel.»

Die englische Sage des «Lambton-Wurms»: John Lambton tötet den Drachen mit dem Schwert. Aus einer mittelalterlichen Handschrift. (Bild: zVg.)

Neues Leben, alte Fragen

Mit solch heilsamen und beglückenden Momenten anderer Art befasst sich das andere Projekt an der Theologischen Fakultät, das dieses Jahr vom Forschungskredit unterstützt wird: «Neues Leben» - so heisst der Arbeitstitel der Dissertation der Theologin Andrea Meier. Was gibt es in Zeiten der «New Economy» zum alten Begriff des «neuen Lebens» zu sagen? Genau dies will Meier heraus finden. Sie will mit ihrem Projekt ausloten, wie auch heute noch vom «Heil» geredet werden kann, dass der christliche Glaube verspricht. Staubtrocken und erfahrungsfern sei die reformierte Frömmigkeit, abstrakt und verkopft die universitäre Theologie. Andrea Meier kennt sie nur zu gut, die Vorwürfe, die gebetsmühlenartig wiederholt werden, gerade auch innerhalbderKirchen. Sie kann sie nachvollziehen - will sich aber nicht mit ihnen abfinden.

Theologie auf dem Markt?

Ihr liegt gerade daran, die lebenspraktische Relevanz des christlichen Glaubens deutlich zu machen und so «en passant» all jene Lügen zu strafen, die in theologischer Arbeit nur praxisferne Begriffsdrescherei und abgehobene Scholastik sehen. Lebenspraktische Relevanz? Täuscht der Eindruck, dass nun auch Theologie und Kirche ihr Produkt auf dem Markt der religiösen Heils-Mittel feil bieten wollen? Andrea Meier lacht. Nein, als «Verkäuferin» von Heilsbotschaften sieht sie sich nicht, und ihre Dissertation auch nicht als Ratgeberliteratur in wissenschaftlichem Gewand. Wohl will sie das Bedürfnis vieler Menschen nach einem «erfahrbaren» und «sinnlicheren» Christentum ernst nehmen, aber sie will gleichzeitig auch fragen, warum dieses Bedürfnis gerade in heutiger Zeit so drängend geworden ist.

Die Theologin Andrea Meier (links) und die Religionswissenschaftlerin Anna-Katharina Höpflinger. (Bild: Christoph Ammann)

Die Fremdheit wahren

Meier will dem christlichen Verständnis von «Heil» und «neuem Leben» auf die Spur kommen, ohne diese fremden Begriffe sogleich in vertraute zu überführen: Wo «Heil» war, da soll «Glück» werden - dieser Slogan taugt nicht für eine zeitgemässe Theologie. Ihre Arbeit lebt gerade davon von der Spannung, in die man heute beim Nachdenken über biblische Texte und Begriffe notwendigerweise gerät: Wie kann man heute noch von «Neuem Leben» und «Heil» sprechen? Was wird aus der christlichen Erwartung auf eine «neue Welt», wenn die alte Welt,in der wir leben, für viele (hierzulande) so gar nichts mehr von einem «irdischen Jammertal» hat und das «konsumistische Manifest» dem «kommunistischen» längst den Rang abgelaufen hat? Diesen Fragen will Andrea Meier nachgehen, und sie ist froh, dass ihr der Forschungskredit der Universität Zürich diese Möglichkeit bietet.

Unsicheres Leben

Zwei Projekte an einer Fakultät. Beide arbeiten auf ihre Weise an der Frage nach dem menschlichen Umgang mit dem Unkontrollierbaren, fragen nach einer Kultur des Lebens angesichts des Unverfügbaren. Alte Fragen, gewiss, aber keine überholten. Welche Antworten die beiden Autorinnen auf sie finden, steht noch in den Sternen. Kann es in der Forschung anders sein? Ob der Drache oder die Forscherin den Kampf gewinnt, steht nie zum vornherein fest.

Christoph Ammann ist Assistent für Öffentlichkeitsarbeit an der Theologischen Fakultät der Universität Zürich.

Kommentar schreiben

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Unberücksichtigt bleiben insbesondere anonyme, ehrverletzende, rassistische, sexistische, unsachliche oder themenfremde Kommentare sowie Beiträge mit Werbeinhalten.

Anzahl verbleibender Zeichen: 1000