Behinderung

Prägende Bilder von Behinderung

Welche Bilder bestehen in den Medien und in der Gesellschaft von Behinderung und Normalität? Und welche Folgen haben sie auf das Verhalten gegenüber Menschen mit Behinderung beziehungsweise auf das Verhalten der Menschen mit Behinderung selbst? Die Volkskundlerin Cornelia Renggli betritt mit ihrem Dissertationsthema Neuland in ihrem Fach. Die Untersuchung wird mit Geldern des Forschungskredits der Universität Zürich unterstützt.

Beatrice Brunner

Gemeinsame Kampagne «Mitten im Leben» des Vereins Hilfe für Behinderte Saarland, der Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfe im Saarland und der Gesundheitskasse AOK. (Bild: hoch4 Werbeagentur)

Renggli ist begeistert vom Forschungskredit, da dieser viel Freiheit biete. Man könne sich auf ein Thema konzentrieren, das einem ganz entspreche, ohne thematisch an ein grösseres Projekt gebunden zu sein. Zudem ermögliche die finanzielle Unterstützung, dass man sich vollzeitlich einem Forschungsprojekt widmen könne – was für die Volkskundlerin einen besonderen Genuss darstellt, schlägt ihr Herz doch für die Forschung. Nach dem Doktorat möchte sie denn auch weiter Forschung betreiben.

Thema Behinderung in Volkskunde einführen

Das Projekt verfolgt auf der wissenschaftlichen Ebene das Ziel, das Thema Behinderung und den angloamerikanischen Forschungsansatz der «Disability Studies» in die Volkskunde einzuführen, da diesem Thema in dieser Fachrichtung bisher kaum Beachtung geschenkt worden ist. Disability Studies beschäftigen sich vor allem mit dem Modell Behinderung als soziales Konstrukt. Dabei wird Behinderung nicht wie in den geläufigen medizinischen Modellen als Defizit, sondern als eine Zuschreibung verstanden. Disability Studies schauen über physische oder psychische Funktionsstörungen hinaus. Ihre Stärke liegt darin, die bisher weit verbreitete medizinische Definition von Behinderung zu hinterfragen und damit eine Grundlage zu liefern, Behinderung neu zu sehen.

Der Differenz auf der Spur

Renggli hat Behinderung bis jetzt vereinfacht ausgedrückt als «Differenz zu dem, was als normal angesehenen wird» definiert. Am klarsten wird diese Differenz in Bildern dargestellt, hat die Doktorandin herausgefunden. Bilder und das darauf Sichtbare beziehungsweise Unsichtbare haben deshalb im Verlauf ihrer Dissertation stark an Bedeutung zugenommen. Was ist sichtbar, was nicht? diese Fragen leiten sie bei der Analyse. Auch der begleitende Text wird dabei berücksichtigt. Es geht jedoch nicht nur um physische Bilder, wie wir ihnen beispielsweise in Zeitungen oder auf Plakaten begegnen, sondern auch um Bilder im Kopf.

Ein weiterer Beitrag der Kampagne «Mitten im Leben». (Bild: 7??? Ost Werbeagentur)

Bilder von Behinderung und Normalität

Auf der gesellschaftlichen Ebene untersucht Renggli empirisch die Vielfalt unterschiedlichster Bilder von Behinderung. Dazu hat sie sich drei Leitfragen gestellt. Welche Bilder bestehen von Behinderung und Normalität? Wie und weshalb entsteht eine Differenz zwischen Behinderung und Normalität? Welche Folgen hat das Empfinden einer Differenz für das Verhalten gegenüber Menschen mit Behinderung beziehungsweise der Menschen mit Behinderung? Zur Beantwortung dieser zentralen Fragen analysiert sie Bildmaterial aus Medien (Zeitungen, Zeitschriften, Internet, Fernsehsendungen) und Politik, führt Fotobefragungen zur Ermittlung subjektiver Sichtweisen durch und macht ethnographische Beobachtungen.

Aus der Kampagne «Mitten im Leben». (Bild: ACN Werbeagentur)

Die «subjektive Expertin»

Interessanterweise wird Renggli von ihren Interviewpartnerinnen oder -partnern oft als Expertin für Behinderung angeschaut. Doch sei ihre Sichtweise ebenso subjektiv wie die ihres Gegenübers, betont sie. Ihr gehe es vor allem darum aufzuzeigen, «wie vielfältig Behinderung angeschaut werden kann», erklärt die Forscherin. Auf gesellschaftlicher Ebene versteht sie ihre Dissertation denn auch als kleinen Beitrag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung. Auf wissenschaftlicher Ebene möchte sie erreichen, dass dem Thema im volkskundlichen Diskurs grössere Bedeutung beigemessen wird.

Beatrice Brunner ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Prorektorat Forschung.

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