Illusionen im Kopf

Ist unser Gehirn eine «Illusionsmaschine», die ihre eigene Wirklichkeit kreiert? Und wie beeinflussbar sind wir von der Welt um uns herum? Ein Podium der BrainFair ging solchen Fragen nach – eine Reise zu «Lug und Trug» und Spiritualität.

Adrian Ritter

Unterhaltsame Wissenschaft wurde den Besucherinnen und Besuchern des Podiumsgespräches «Manipulation des Bewusstseins» am Sonntag im Rahmen der BrainFair 2005 geboten. Nur schon die Zusammensetzung der Gesprächsteilnehmer war vielversprechend: Neuropsychologe, Psychiater, Religionswissenschaftler und Soziologe.

Lutz Jäncke: «Das Gehirn ist eine Illusionsmaschine». (Bild: Adrian Ritter)

Manipulierbare Erfahrungen

Neuropsychologe Prof. Lutz Jäncke vom Psychologischen Institut der Universität Zürich eröffnete die Kurzreferate mit einem allgemeinen Blick auf das Gehirn und stellte fest: Das Gehirn als Steuerorgan aller psychischen Vorgänge generiert Wahrnehmung selber. «Unser Gehirn ist eine Illusionsmaschine», so Jäncke. Was wir wahrnehmen, sei das Resultat einer Interpretation und hänge stark davon ab, was wir bisher erlebt haben. Unsere Erfahrungen wiederum seien auch kulturell geprägt, woraus sich indirekt eine Form von Manipulation der Wahrnehmung ergebe.

Ulrich Schnyder: «Die Psychotherapie wirkt mit Worten». (Bild: Adrian Ritter)

Erwünschte «Gehirnwäsche»

Als Manipulation beziehungsweise «Gehirnwäsche» sei auch die Psychotherapie zu betrachten, provozierte Prof. Ulrich Schnyder, Direktor der Psychiatrischen Poliklinik des Universitätsspitals Zürich, die Zuhörer. «Psychotherapie wirkt mit Worten und diese haben eine unheimliche Macht». Die moderne Psychotherapie wolle die Patienten allerdings nicht einfach manipulieren, sondern einbeziehen, etwa wenn es darum geht, Ziele für die Therapie zu setzen. «Psychotherapie macht bewusste Manipulation. Diese soll aber nachvollziehbar und möglichst transparent sein, damit der Patient eine Wahl treffen kann.»

Reisen ins Wirkliche

Die Frage nach den ethischen Grundlagen stelle sich auch bei der Religion, sagte Prof. Georg Schmid als Religionswissenschaftler an der Universität Zürich und Leiter der Informationsstelle Kirchen-Sekten-Religionen. Rituale als religiöse Praxis seien «bewusstseinsverändernde Reisen ins Wirkliche».

Georg Schmid: «Rituale können bewusstseinsverändernde Reisen ins Wirkliche sein». (Bild: Adrian Ritter)

Voraussetzung dafür sei eine Offenheit und «primäre Kritiklosigkeit», um sich auf eine solche Erfahrung einzulassen. Hier bestehe die Gefahr, in eine «dauernde Kritiklosigkeit» zu fallen oder einem Meister gar hörig zu werden. Daher sind gemäss Schmid im religiösen Erleben gewisse Regeln zu befolgen: «Am Ende eines guten Rituals steht das neue, starke Ich und ein offenes Gespräch über das eigene Erleben. Dabei sind Kritik am Meister und Ritual geradezu notwendig. »

Woher kommt das Vertrauen?

Manipulation ist also auf verschiedenen Wegen möglich. Für Lutz Jäncke manipulieren Menschen ständig, denn «Kommunikation ist Manipulation». Wie finden sich Menschen aber zurecht in einer Welt, in der «Lug und Trug» und Manipulation existieren, fragte Kurt Imhof, Professor für Soziologie und Publizistikwissenschaft an der Universität Zürich. Schwierig wird es gemäss Imhof in der Interaktion und Kommunikation vor allem dort, wo Aussagen nicht bewiesen werden können, sondern Vertrauen erfordern. «Woher weiss man, ob es stimmt, wenn jemand einem sagt: «Ich liebe dich»?».

Kurt Imhof: «Kommunikation ist Manipulation». (Bild: Christoph Schumacher)

Imhof sieht dieses Vertrauen in unserer Gesellschaft durch drei Mechanismen gewährleistet: durch die Trennung von Privatem und Öffentlichem, durch externe Normen (Gesetze usw.) sowie durch die Sorge umdie eigene Reputation - den «guten Ruf».

Dem Sinnlosen entfliehen?

Religion und Spiritualität sind für Imhof «Versuche der Sinnstiftung des Sinnlosen», was erwartungsgemäss Georg Schmid nicht so stehen lassen wollte. Schmid wünschte dem Publikum explizit «spirituelle Erfahrungen». In unserer westlichen Welt gehe es allerdings anders als in der östlichen Spiritualität weniger darum, eine «Ichlosigkeit» zu erreichen. Das Ziel sei eher, sich zu regenerieren, eine neue Lebensart zu suchen und Klarsicht zu gewinnen. Die entscheidende Frage ist dabei für Schmid: «Wie gut gelingt die Rückkehr in den Alltag?»

Der informierte Patient

Dass sich Religion und Psychologie nicht ausschliessen müssen, betonte Ulrich Schnyder aufgrund einer Frage aus dem Publikum. «Beide Perspektiven sind berechtigt und es gibt in der Psychotherapie vermehrt Ansätze, welche die Ebene der Spiritualität berücksichtigen.»

Zu bedenken ist gemäss Schnyder auch, dass wir in einer Zeit des «informierten Patienten» leben. Dieser hat vielleicht bereits Internet, Chatroom und Selbsthilfegruppe aufgesucht, bevor er mit einer Therapie beginnt: «Dies ist eine Herausforderung für uns Therapeuten, aber auch eine Chance für eine gleichberechtigtere Kommunikation.»

Adrian Ritter ist Redaktor von unipublic.

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