Macht Arbeitslosigkeit wirklich krank?

Arbeitslosigkeit verursacht gesundheitliche Kosten. Darin sind sich Laien wie Wissenschaftler einig. Bis diese Hypothese allerdings wissenschaftlich erhärtet ist, braucht es einiges statistisches Kalkulieren und interpretatorische Hirnarbeit. Der Soziologe Andreas Kuhn vom Institut für Empirische Wirtschaftsforschung scheut den Aufwand nicht. Er wird dabei vom Forschungskredit der Universität Zürich unterstützt.

Brigitte Blöchlinger

Welcher Soziologe der Universität Zürich kann für seine Fragestellung auf rund zehn Millionen Personen zurückgreifen? Andreas Kuhn vom Institut für Empirische Wirtschaftsforschung sieht sich in dieser glücklichen Lage. Sein «Doktorvater» Professor Josef Zweimüller, ein gebürtiger Österreicher, konnte den Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger (das Pendant zur Schweizer AHV) zur Herausgabe der umfangreichen Datensammlung bewegen – natürlich in anonymisierter Form. Ein Unterfangen, das in der Schweiz unmöglich wäre, vermutet Andreas Kuhn. Hierzulande erhalte man höchstens Auszüge der Datensammlungen staatlicher Institutionen, niemals den gesamten Fundus. Kuhn jedoch hat nun also sämtliche Angaben darüber, wann und wo die zehn Millionen unselbständig erwerbstätigen Österreicherinnen und Österreicher zwischen 1972 und 2001 arbeiteten, beziehungsweise wann sie wie lange arbeitslos waren.

Will die gewaltige Datenmenge zum Sprechen bringen: Andreas Kuhn (Bild: zVg)

Krankengeschichte und Erwerbsleben

Ein glücklicher Umstand zieht gerne einen weiteren nach sich. So kann der Soziologe Andreas Kuhn, der für seine Doktorarbeit ans Institut für Empirische Wirtschaftsforschung gewechselt hat, auch noch auf die Krankengeschichten der obligatorischen Krankenversicherung Oberösterreichs zurückgreifen, wo anonymisiert vermerkt ist, wer welche ärztlichen Leistungen bezog. Diese Krankengeschichten wird Kuhn nun zusammen mit den entsprechenden Sozialversicherungsdaten analysieren, um seine Dissertationsfrage «Wie sich Arbeitslosigkeit auf die Gesundheit auswirkt» zu beantworten – bezogen auf den Nordosten Österreichs.

Können denn die österreichischen Daten auf die Schweizer Situation übertragen werden? Grundsätzlich ja, sagt Andreas Kuhn, auch wenn in einzelnen Fällen Unterschiede bestünden, entspreche die Arbeitsbelastung und der Gesundheitszustand in der Schweiz in etwa jenem unserer östlichen Nachbarn.

Methodische Herausforderung

Kuhns Dissertation, die seit diesem Januar vom Forschungskredit der Universität Zürich unterstützt wird, kann sicher nicht vorgeworfen werden, sie stütze sich auf zu wenig Daten. Die Herausforderung besteht eher darin, die richtigen Fragen zu stellen und eine adäquate Methode herauszufinden, um der immensen Datenfülle interessante Antworten zu entlocken. Dazu setzt Kuhn statistische Evaluationsmethoden ein, die er für seine Zwecke adaptiert. Die gängigen statistischen Evaluationsmethoden wurden bisher nämlich fast ausschliesslich zur Auswertung der staatlichen Arbeitslosenprogramme entwickelt, um den Effekt der arbeitspolitischen Massnahmen auf die Arbeitslosigkeit zu untersuchen.

Der Hintergrund ist folgender: Aus ethischen Gründen können ja keine Experimente mit Arbeitslosen durchgeführt werden (das experimentelle Setting würde so aussehen, dass gewisse Arbeitslose einem Beschäftigungsprogramm unterzogen würden und andere nicht, um die Effekte dann zu vergleichen – was für die Betroffenen natürlich inakzeptabel ist). Um die Arbeitslosenprogramme der Politiker aber trotzdem zu evaluieren, wurden besagte statistische Evaluationsmethoden entwickelt.

Unverschuldete Arbeitslosigkeit durch Konkurs

Das töne trivial, gesteht Kuhn zu, die Adaption auf seine Fragestellung allerdings sei hoch komplex. Seine besondere Leistung besteht nun darin, diese statistischen Methoden für seine Fragestellung nutzbar zu machen. ««Das braucht viele Vorüberlegungen», versichert Kuhn, «man muss zum Beispiel herausfinden, welche Situation im Erwerbsleben einer Person überhaupt relevant ist, um ihren Effekt auf die Gesundheit bei Arbeitslosigkeit zu erkennen.» Das Problem ist ja, dass man nicht weiss, ob ein Arbeitsloser wirklich aufgrund des Stellenverlusts erkrankt ist oder ob er nicht auch in angestelltem Verhältnis erkrankt wäre.

Um diese Knacknuss zu lösen, hat sich Kuhn entschlossen, die Gesundheit von Personen zu untersuchen, die unverschuldet, durch einen Konkurs der Firma, ihre Stelle verloren, und die Effekte dieser unverschuldeten Arbeitslosigkeit auf die Gesundheit zu bestimmen. «Der schwierigste Schritt wird dann die Interpretation der Ergebnisse sein», führt Kuhn aus, «es geht dann um die Einschätzung, ob die Resultate plausibel sind und welche Schlussfolgerungen daraus gezogen werden können.»

Wider gängige Stammtisch-Weisheiten

Bis es so weit ist, wird Kuhn noch einige Daten hin und her schieben. – Nicht ein bisschen viel Aufwand, um eine Frage wissenschaftlich korrekt zu beantworten, die der gesunde Menschenverstand ohnehin längst entschieden hat: Ja, Arbeitslosigkeit beeinträchtigt die Gesundheit. Kuhn lacht: Diesen Einwand bekomme die empirische Forschung immer mal wieder zu hören. Aber es sei eben ein Unterschied, ob die Menschen einfach von etwas überzeugt seien oder ob etwas wissenschaftlich erhärtet sei. «Anekdotische Evidenz zählt nicht in der Wissenschaft», erklärt er. Es lasse sich nämlich immer ein Beispiel finden, das gerade das Gegenteil der gängigen Meinung «beweise», «zum Beispiel dass sich jemand durch unverschuldete Arbeitslosigkeit beflügelt fühlt und ein neues, erfüllteres Leben beginnt – und entsprechend gesund bleibt.»

Auch Politiker dürfen sich bei der Ausgestaltung der Arbeitslosenversicherung nicht einfach von vorgefassten Meinungen leiten lassen. Die kann sich nämlich auch ändern: So könnte bei explodierenden Gesundheitskosten auch die Ansicht aufkommen, dass halt jene Leute arbeitslos würden, die bereits vorher krank waren, beziehungsweise dass sie wegen ihrer Erkrankung arbeitslos wurden. Müsste dann immer noch die Arbeitslosenkasse zahlen oder eher die Krankenversicherung/IV?

Man sieht: Hinter Kuhns statistischem Kraftakt stehen viele gesellschaftsrelevante Fragen. Bis die Wissenschaft die Effekte von Arbeitslosigkeit und jene von Krankheit sauber auseinander «gedröselt» hat, wird es noch etwas dauern. Dass er diese Zeit durch die Unterstützung des Forschungskredits der Universität Zürich erhalten hat, freut Kuhn sehr. «Meine wissenschaftliche Neugier ist halt auch noch da, und die beflügelt mich, all diese Fragen detaillierter anzuschauen, als man das einfach zu Hause so schnell machen würde.»

Brigitte Blöchlinger ist Redaktorin von unipublic

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