«Wir wollen beide die Welt verstehen»

Was haben sich Buddhismus und Neurowissenschaften gegenseitig zu sagen? Den Dalai Lama interessierten am Symposium mit Spitzenforschern der Universität zur Neurowissenschaft vor allem Fragen zur Entwicklung des Gehirns und zu den Emotionen. Im Gegenzug wollten die Forscher erfahren, wie der Buddhismus mit Hirnforschung und Krankheit umgeht.

Carole Enz

Der Dalai Lama begrüsst die Anwesenden am Neuroscience Symposium. (Bild: Manuel Bauer)

Vor dem Gesicht gefaltete Hände, eine angedeutete Verbeugung – so begrüsste Seine Heiligkeit der 14. Dalai Lama die Anwesenden am Mittwoch am neurowissenschaftlichen Symposium an der Universität Zürich. Seine sprichwörtliche Menschlichkeit war bis in die hinterste Ecke spürbar. Kleine Spässe Seiner Heiligkeit sorgten des öftern für schallendes Gelächter. Etwa, wenn der Dalai Lama seinem Übersetzer das Mikrofon fürsorglich zurechtrückte, oder augenzwinkernd darauf aufmerksam machte, dass die auf zwei grosse Leinwände projizierte tibetische Schrift spiegelverkehrt sei.

Wissenschaft als Killer der Religion?

Kevan Martin, Professor für System-Neurophysiologie am Institut für Neuroinformatik der Universität Zürich und der ETH Zürich, thematisierte in seiner Begrüssungsrede Parallelen zwischen Religion und Forschung: «Beide wollen die Welt verstehen. Unser Gehirn, auf dem der Fokus dieses Symposiums liegt, macht den heutigen Ideenaustausch erst möglich.» Der Dalai Lama stimmte dem zu: «Die Phänomene des Lebens zu erkunden ist auch unser Ziel. Valable Einsichten gewinnen wir, wenn wir offen fragen, aber stets skeptisch bleiben.» Doch Seine Heiligkeit räumte auch ein, dass das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Religion nicht ungetrübt ist: «Aber Forschung war schon oft der Killer der Religion. Doch Forscher können vom Buddhismus lernen, um ihre Arbeit zu befruchten, und umgekehrt.»

«Beide wollen die Welt zu verstehen»: Kevan Martin über das gemeinsame Interesse von Religion und Wissenschaft. (Bild: Manuel Bauer)

«Macht man im Buddhismus denn auch Hirnforschung?», fragte Martin einleitend zum Symposium. Wie so oft antwortete der Dalai Lama auf Tibetisch. Sein Übersetzer, der Religionswissenschaftler Thupten Jinpa Langri, erklärte: «Die buddhistische Lehre besagt, dass im Kopf das Energiezentrum des Menschen ist. Unser Bestreben ist es, das Zusammenwirken von Geist, Emotion und Körper zu verstehen.».

Lerne, auch wenn du weisst, dass du morgen sterben wirst

Neurologie-Professor Jürg Kesselring, Leiter der Neurologischen Abteilung der Rehabilitationsklinik Valens sprach über Neurobiologie und Spiritualität. Wenn man sich die historischen Beispiele vom Zusammenprallen von Religion und Forschung vor Augen führt – Kesselring erwähnte das Beispiel Charles Darwin, der mit seiner Evolutionstheorie auf christlichen Granit biss –, dann wurde einem bewusst, mit welch grossem Respekt die Referenten des Symposiums einander begegneten. Kesselring zeigte anhand eines Beispiels, wie Patienten nach einem Schlaganfall ihr Gehirn neu trainieren. So konnte ein Maler, dessen rechter Arm nach dem Schlaganfall gelähmt war, die Fähigkeiten auf den linken Arm übertragen.

Beeindruckte den Dalai Lama mit seinen Ausführungen über die Rehabilitation von Schlaganfall-Patienten: Jürg Kesselring. (Bild: Manuel Bauer)

Mit nachfolgendem Referat wurde der Kreis um die Neurowissenschaften enger gezogen. Kesselrings einleitende Worte zur Gehirnentwicklung und zum Lernen erhielten nun Konturen – dank der Beispiele von Lutz Jäncke, Professor für Neuropsychologie an der Universität Zürich, über die Plastizität des Gehirns. Er untersucht unter anderem, wie hoch trainierte Musikergehirne funktionieren. Mit der Feststellung, dass unser Gehirn ein Leben lang lernen soll, um gesund zu bleiben, weckte Jäncke sogleich das Interesse des Dalai Lama. Besonders angetan war Seine Heiligkeit auch von der Erkenntnis, dass gesunde Hirnareale die Funktionen geschädigter Bereiche übernehmen können. Der Dalai Lama erinnerte sich an eine buddhistische Schrift, in der es sinngemäss heisst: «Lernen musst du, selbst wenn du weisst, dass du morgen sterben wirst.»

«Use it or lose it»: Lutz Jänckes Aufruf zum lebenslangen Lernen kann auch der Dalai Lama zustimmen. (Bild: Manuel Bauer)

Alzheimer und Emotionen

«Use it or lose it» heisst es parallel bei Kesselring und Jäncke über die kognitiven Fähigkeiten des Gehirns. Doch stirnrunzelnd setzte das Oberhaupt der Tibeter seinen Finger auf einen wunden Punkt: «Auch grosse Denker können im Alter mental abgeben.» Und er sackte in sich zusammen, um seinen Worten theatralisch Nachdruck zu verleihen. Nachdem das Lachen im Saal verstummt war, brachte Jäncke den genetischen Faktor ins Spiel, der dazu führt, dass auch gut trainierte Köpfe an Demenz erkranken.

Roger Nitsch erläutert den Einfluss von Alzheimer auf die Emotionen. (Bild: Manuel Bauer)

Die häufigste Demenzerkrankung ist Alzheimer. Roger Nitsch, Professor für Molekulare Psychiatrie an der Universität Zürich, testet zur Zeit eine vielversprechende Behandlungsmethode an Alzheimerpatienten. Den Dalai Lama interessierte vor allem der Effekt von Alzheimer auf die Emotionen der Menschen. Nitsch legte die verschiedenen Phasen dar: «Zuerst entwickeln die Betroffenen eine Depression, können aber in einem fortgeschrittenen Stadium der Bewusstseinstrübung ein rudimentäres Glücksgefühl erlangen. Im Endstadium haben wir leider keine Anhaltspunkte im Verhalten der Patienten, ob Emotionen noch vorhanden sind oder nicht.»

«Tranquility of mind»

Das Thema Krankheit interessierte nicht nur Seine Heiligkeit – eine Studentin stellte die Frage, wie denn im Buddhismus Krankheiten überwunden werden. Der Dalai Lama verwies dabei auf die dafür zuständigen tibetischen Ärzte und fügte hinzu, dass eher die Krankheits-Prophylaxe in den religiösen Bereich gehört. Seiner Meinung nach ist die «tranquility of mind» ausschlaggebend – ein ruhiger Geisteszustand bewahrt vor Krankheit. Es brauche nicht zwingend religiöse Praktiken, um zu lernen, negative Emotionen zu bändigen und diesen Zustand zu erreichen, erklärte er. Und um eine Krankheit zu überwinden sei der Wille dazu wichtig.

Rolf Pfeifer demonstriert, wie die Mechanik Bewegungsabläufe reguliert (Bild: Manuel Bauer)

Als letzter Redner erklärte Rolf Pfeifer, Professor für Computerwissenschaften an der Universität Zürich, dass Intelligenz einen Körper brauche – «Embodiment» nennt er es. Seine Forschung basiert unter anderem auf der Frage «Wie viel ist möglich mit wie wenig Hirn?» Anhand einfacher Roboter zeigte er auf, dass sich Bewegungsabläufe auch ohne Kontrollaufwand durch Elektronik bloss auf Grund der Konstruktionsweise regulieren können. Ausgehend davon wollte Pfeifer im Anschluss wissen, ob der Dalai Lama sich vorstellen könne, dass auch Maschinen ein Bewusstsein haben könnten. Der Dalai Lama schloss nicht ganz aus, dass auch technische Systeme etwas Ähnliches entwickeln könnten, denn er erkennt, dass auch einfachste Lebensformen eine Basis für Bewusstsein bilden. Was Roboter allerdings nicht brauchen, fasste der Dalai Lama am Ende des Symposiums nach einem kurzen Blick auf die Uhr in Worte: «Time for lunch!»

Unverkrampfter Gedankenaustausch

Insgesamt wurden viele wichtige Themen angesprochen: Entwicklung, Lernen, Glück, Gesundheit, Krankheit, Heilung, Bewusstsein, freier Wille, künstliche Intelligenz. Besonderes Interesse zeigte der Dalai Lama dann, wenn es ums Gesundbleiben und um Emotionen ging. Es wäre es interessant gewesen, noch mehr Einzelheiten über den ruhigen Geisteszustand zu erfahren, etwa wie genau negative Empfindungen in den Griff zu bekommen sind. Im Gegenzug hätte den Dalai Lama bestimmt interessiert, welche Hirnbereiche Emotionen steuern.

Gestenreich erläutert der Dalai Lama dem Übersetzer Thupten Jinpa Langri seine Antworten. (Bild: Manuel Bauer)

An den Fragen der Referenten und der ausgewählten Studierenden an den Dalai Lama erkannte man, dass die heutige Wissenschaft die Türe für spirituelle Sichtweisen geöffnet hat. Umgekehrt geht «der einfache Mönch», als den sich der Dalai Lama sieht, unverkrampft auf die Forschung zu. Sein Wissensdurst ist schier unstillbar und sein analytisches Denken gut ausgebildet, wie seine präzisen Fragen zeigten.

Carole Enz ist freie Journalistin

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