E-Learning im Ernstfall

Mitte August ist an der Universität Zürich erstmals eine rekursfähige Prüfung online durchgeführt worden. 78 Studierende der Vetsuisse-Fakultät stellten sich im Fach Veterinärpathologie einer gänzlich neuen Prüfungssituation. Initiiert hat die neue Prüfungsform Prof. Andreas Pospischil, für den reibungslosen Verlauf sorgten die Mitarbeiter des OLAT-Teams, Netzwerkspezialisten und Curriculum-Verantwortliche.

Marita Fuchs

Am 15. August 2005 war es soweit: Die ersten Prüflinge im Fach Veterinärpathologie betraten nach der Legikontrolle den Prüfungsraum und fanden an ihren Plätzen statt papierner Prüfungsbögen einen Computer vor. Doch waren die Computer speziell präpariert: von alten User-Dateien gereinigt, durch Firewall vor Zugriffen geschützt und die USB- und Firewire-Anschlüsse versiegelt. Keine Chance also für Schummler. Nachdem sich die Prüflinge mit Matrikelnummmer und Access-Zugangsdaten identifiziert hatten, konnte die Prüfung beginnen – für alle die erste Online-Prüfung ihres Lebens.

Neuland

Gemäss dem neuen veterinärmedizinischen Curriculum müss die vormals mündliche Prüfung in Veterinärpathologie neu schriftlich gestaltet werden. Andreas Pospischil, zuständig für das Fach an der Vetsuisse-Fakultät, entschied sich, die Prüfung elektronisch durchzuführen. Er konnte auf keinerlei Erfahrung mit rekursfähigen Online-Prüfungen zurückgreifen, denn die Universität Zürich betrat hier Neuland. Zunächst musste er deshalb die juristischen Prüfungsvorgaben abklären, erst danach konnte die technische und inhaltliche Umsetzung angegangen werden.

Andreas Pospischil im «mobile classroom» mit den Computern, an denen die Prüfung durchgeführt wurde. (Bild: Marita Fuchs)

Ein Jahr Vorbereitung

Die Prüfung musste nach den Vorgaben des neuen Curriculums gestaltet werden. «Der Initialaufwand für die Konzeption einer neuen Prüfung ist sehr hoch», sagt Brigitte Grether, die für die Umsetzung des neuen Curriculums an der Vetsuisse-Fakultät verantwortlich ist. Der Entwurf der neuen Prüfung wurde dem Institut für medizinisches Lernen in Bern vorgelegt. Nachdem von dort grünes Licht kam, konnte die technische Umsetzung in Angriff genommen werden. Diese wurde zusammen mit den Spezialisten für die E-Learning Software Online Learning And Training (OLAT) der Informatikdienste angegangen. Insgesamt dauerte die Vorbereitungszeit ein Jahr.

Erfahrungen sammeln

«Die Prüfung ist von den Fragetypen her simpel», erläutert Grether. Sie besteht aus Multiple-Choice-Fragen und K-prim Fragen, einem Fragetyp bei dem auf eine Frage mehrere Antworten oder Ergänzungen ausgewählt werden können. Bei allen muss angeben werden, ob sie richtig oder falsch sind. Aufgaben mit Freitext wurden keine gestellt.

«Wir wollten erst einmal Erfahrungen mit einer einfach aufgebauten Prüfung sammeln», sagt Björn Theise, E-Learning-Koordinator der Vetsuisse-Fakultät. «In Zukunft werden wir bei Prüfungen mehr Material anbieten und damit fall-basierte Prüfungsaufgaben stellen, bei denen man zum Beispiel Grafiken mit Audiosequenzen und Textfragen kombinieren kann.» Die Dozierenden könnten auf diese Weise die Prüfungsaufgaben vielfältiger gestalten und von grossem Vorteil sei die automatische Auswertung der Prüfungsdaten, meint Theise.

Grenzen und Möglichkeiten des Systems

«Freie Texte kann der Computer nicht interpretieren», schränkt Franzika Schneider ein, die als Leiterin der Customergruppe des OLAT-Teams für die Einbettung der Online-Prüfung in das E-Learning-Tool verantwortlich ist. Frageformen wie Single Choice, Multiple Choice oder Lückentexte könnten vom System hingegen bestens verarbeitet und gespeichert werden, weil OLAT neben den E-Learning-Angeboten auch für Online-Prüfungen konzipiert wurde. «Für das OLAT-Team», so Schneider, «war es deshalb eine Chance, die Tauglichkeit des Systems auch für eine rekursfähige Prüfung zu belegen.»

Franziska Schneider vom OLAT-Team vermittelt zwischen Technikern und Dozierenden. (Bild: Marita Fuchs)

Datenerfassung auf dem Server

Die Datenübermittlung während der Prüfung gewährleistet das Netzwerk der Universität Zürich. Sobald ein Prüfling seine Daten abschickt, werden sie auf einem Server der Informatikdienste gespeichert. Franziska Schneider, die auch als Vermittlerin zwischen Technikern und Dozierenden steht, erzählt, wie sie die Wünsche der Veterinärmediziner aufgenommen haben: «So implementierten wir die Funktion, dass bei einem technisch bedingten Unterbruch der Prüfling genau an der Stelle weiterfahren kann, wo er vorher aufgehört hat.»

Logfiles statt Protokoll

Jede Eingabe des Prüflings wird in Logfiles aufgezeichnet. Dadurch kann genau belegt werden, was während der Prüfung ausgefüllt wurde. Es ist auch möglich, detailliert aufzuzeigen, wie viel Zeit für eine bestimmte Aufgabe benötigt wurde. «Diese Logfiles sind gleichbedeutend mit den Protokollen, die bei einer mündlichen Prüfung geführt werden und können als Beweisgrundlage bei einem Rekurs dienen», erläutert Pospischil. Im Anschluss an die Prüfung werden die Logfiles auf einer CD-Rom gespeichert und der für die Prüfung verantwortlichen Ortspräsidentin des Leitenden Ausschusses für die eidgenössischen Medizinalprüfungen übergeben. Somit ist eine nachträgliche Manipulation der Daten nicht möglich.

Look and feel für Studierende

«Uns war es sehr wichtig, die Studierenden auf diese neue Prüfungsform vorzubereiten», sagt Pospischil. «Da zahlte sich aus, dass wir schon vor zwei Jahren den mobile classroom eingerichtet hatten.» Dieser mit Institutskrediten finanzierte mobile Unterrichtsraum besteht aus 32 Computern, die flexibel im Hörsaal je nach Bedarf benutzt werden können. Mit den mobilen Computern lernen die Studierenden mit den Rechnern umzugehen. Dieselben Rechner wurden auch bei der Online-Prüfung benutzt.

Volle Konzentration trotz ungewohnter Prüfungssituation. (Bild: zVg)

In zwei vorab durchgeführten Testläufen konnten sich die Studierenden zudem an die neue Prüfungssituation gewöhnen. Nach dem ersten Testlauf baten die Studierenden um Computermäuse, zu ungewohnt war die Arbeit mit dem Trackpad. Und etwas Papier wurde doch noch eingefordert, nämlich mit einer Übersichtsliste zum Abhaken der Fragen. «Nach dem zweiten Testlauf legte sich die Nervosität der Studierende, und die Prüfung selbst verlief dann ganz ruhig», sagt Rainer Egle, der als externer Berater für den technischen Ablauf der Prüfung verantwortlich war.

Die Tests dienten auch der Überprüfung der Sicherheitsfunktionen sagt Egle. Auf einem Kontrollrechner konnte er die Bildschirme der Prüflinge im Überblick anschauen. «Ich hätte schnell bemerkt, wenn ein Prüfling Dateien öffnet, die nicht zugelassen sind», sagt er.

Gleichzeitige Prüfungen in Zürich und Bern möglich

Ende August ist die Notenkonferenz. Dann wird sich zeigen, wie gut die Prüflinge abgeschnitten haben. Andreas Pospischil ist mit dem bisherigen Verlauf zufrieden. Einige seiner Kollegen hätten schon reges Interesse an einer Onlineprüfung gezeigt. Und da die Vetsisse-Fakultät ja in Zürich und Bern beheimatet ist, wäre es in Zukunft auch möglich, an beiden Standorten gleichzeitig Online-Prüfungen durchzuführen.

 

Marita Fuchs ist unipublic-Redaktorin

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