Mythos Prag

Wie entsteht das Image einer Stadt? Und welche Rolle spielt dabei die Literatur? Georg Escher geht diesen Fragen anhand des Beispiels Prag nach. Sein Dissertationsprojekt «Ghetto und Grossstadt» wird vom Forschungskredit der Universität Zürich unterstützt.

David Werner

Das «Goldene», das «Unheimliche», das «Hunderttürmige»: Seit mehr als hundert Jahren wird Prag zur Metropole des Magischen, Märchenhaften, Phantastischen stilisiert. Franz Kafka und die Wunderkammern von Kaiser Rudolf II gehören zu diesem Mythos – aber auch das ehemalige Prager Ghetto. Als geheimnisumwittert, gefährlich, verlockend und abstossend zugleich wurde es beschrieben, als ein Hort des Exotischen, als Refugium der Vormoderne mitten im rasant sich modernisierenden Mitteleuropa des 19. Jahrhunderts. Im (trivial)-literarischen Klischeebild der Stadt Prag als «femme fatale» verdichtete sich diese Wahrnehmungsweise. Um die Wende zum 20. Jahrhundert wurde das spezifisch Pragerische in der Literatur dann vorzugsweise mit dem Ghetto (oder dem, was die Autoren sich darunter vorzustellen beliebten) in Verbindung gebracht. Diese literarischen Imaginationen flossen auf verschiedenste Weise ins urbane Selbstverständnis Prags ein.

Wie keine andere Stadt trägt Prag den Nimbus des Märchenhaften und Phantastischen: Filmplakat zu «Der Golem». (Bild: zVg)

Kulturwissenschaftlicher Ansatz

Wie dies im Einzelnen vor sich ging, verfolgt der Germanist Georg Escher in seinem Disserationsprojekt. Er geht dabei von breit angelegten kulturwissenschaftlichen Fragestellungen aus. Stadt und Text behandelt er gleichermassen als kulturelle Artefakte. Ihn interessiert, wie Erzählungen zur Konstruktion kollektiver Identitäten beitragen, wie sie sich im urbanen Kontext mit anderen Formen symbolischer Repräsentation vernetzen. Besonders wichtig ist ihm dabei die Funktion literarischer Bilder für die Identitätsstiftung und Identitätspolitik. Das ist im Falle Prags besonders interessant, da hier zwei sprachliche getrennte literarische Traditionen bestanden, die sich jeweils als wahre und typische Traditionen inszenierten.

Falsche Vorstellungen

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts gerieten der literarische Topos von Prag als erotischer Frau und das Bild des Prager Ghettos zunehmend ins Spannungsfeld der Auseinandersetzung zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen. Auf ganz unterschiedliche Weise funktionalisierten Vertreter tschechisch- und deutschsprachiger Kreise diese Topoi für eigene Zwecke. Und noch heute greift die Literaturgeschichtsschreibung, insbesondere die Kafka-Forschung, zur Charakterisierung der Inselsituation deutschsprachiger Prager Literatur vor dem Zweiten Weltkrieg gern auf das Bild vom Ghetto zurück – und handelt sich damit, wie Georg Escher betont, einige falsche Vorstellungen ein. Denn Prager Autoren wie Franz Kafka, Rainer Maria Rilke, Egon Erwin Kisch oder Franz Werfel fühlten sich in keiner Weise auf den Soziotop des deutschsprachigen Prag beschränkt und hätten ihre eigenen Texte auch kaum als «typisch pragerisch» verstanden. Eine unverwechselbare Prager Literatur, die vom Genius loci inspiriert ist, existiert also vor allem als nachträgliches literaturgeschichtliches Konstrukt.

Gustav Meyrink prägte mit seinem Roman «Der Golem» das Bild des Prager Ghettos als Ort des Fremden, das Schauer und Faszination gleichzeitig auslöst. (Bild: zVg)

Juden, Deutsche und Tschechen

Wie kam es überhaupt dazu, dass der Denkfigur des Ghettos im Zusammenhang mit der Stadt Prag eine so herausragende Rolle zuwuchs? «Als verräumlichte Ausgrenzungsfigur», so Georg Eschers Erklärung, «eignet sie sich hervorragend zur Konstituierung kollektiver Identitäten. Mit dem Ghetto werden immer die anderen in Verbindung gebracht; die eigene Identität stabilisiert sich dann in Negation dazu. So grenzten sich die Deutschen von den jüdischen Ghettobewohnern ab. Die Tschechen wiederum setzten Deutsche und Juden, Altstadt und Ghetto häufig gleich und stellten beide in Gegensatz zum modernen, tschechischen Prag.»

Märchenstadt oder moderne Metropole?

In der deutschsprachigen Tradition bezeichnete das Ghetto den Ort des Fremden, dem man sich in mit dem Habitus des mal schaudernden, mal faszinierten Entdeckers näherte. Typisch für diese Haltung ist Gustav Meyrinks Erfolgsroman «Der Golem». Aus tschechischer Perspektive dagegen wurde Prag meist als junge Metropole eines aufstrebenden Volkes dargestellt; im Kontrast dazu verortete man den deutschsprachigen Bevölkerungsteil in den modrigen und verwinkelten Gassen der Innenstadt.

Die im deutschsprachigen Kontext populäre Stilisierung des alten Prag zur phantastischen Märchenstadt stiess in der tschechischen Öffentlichkeit vor allem zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf heftige Ablehnung: Das moderne, vorwiegend tschechische Prag, so wurde kritisiert, werde in solchen Darstellungen absichtlich ausgeblendet – dabei verschwieg man, dass auch zahlreiche tschechische Beschreibungen eines alten, unheimlich-fantastischen Prags existieren.

«Franz Kafka Platz» in Prag. Die grossen Namen der deutschsprachigen Prager Literatur werden heute touristisch vermarktet. (Bild: zVg)

Kafka-Kitsch

Heute ist diese Kritik vergessen. Das Klischee von Prag als vormoderner Phantasiestadt hat Konjunktur wie nie zuvor. Was einst als diskriminierendes Fremdbild abgelehnt wurde, trägt die Hauptstadt Tschechiens inzwischen als Selbstbild vor sich her: Der Topos des Prager Ghettos und die grossen Namen der deutschsprachigen Prager Literatur werden hochgehalten – als touristisches Verkaufsargument. Der Kafka-Kitsch blüht, und durch die Strassen des ehemaligen Ghettos wälzen sich, auf der Suche nach dem Unverwechselbaren, die Besucherströme. Die Ironie dabei: Vom Ghetto zeugen heute nur noch einige Synagogen und ein Teil des Friedhofs. Im Zuge der Stadterneuerung Ende des 19. Jahrhunderts wurde das gesamte Gelände dem Erdboden gleichgemacht. Luxusgebäude im Jugendstil prägen heute die Szenerie. Doch in den Köpfen leben die einmal geprägten Bilder weiter. Offenbar sind sie stark genug, um immer wieder aufs Neue in Funktion zu treten. In wechselnden Bedeutungszusammenhängen. Zu beliebigen Zwecken.

David Werner ist Redaktor des unijournal

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