Gar nicht nutzenoptimiert: der Homo oeconomicus vor dem TV

Wie wirkt sich Fernsehkonsum auf das Verhalten und Wohlbefinden der Menschen aus? Darum geht es in Christine Beneschs wirtschaftswissenschaftlicher Dissertation. Unterstützt wird die Assistentin von Prof. Bruno S. Frey vom Forschungskredit der Universität Zürich.

Brigitte Blöchlinger

Der Zweig der Wirtschaftswissenschaft, der psychologische und soziologische Erkenntnisse in die ökonomische Analyse mit einbezieht, ist mit rund zwanzig Jahren noch relativ jung. Doch bereits hat er sich vielfältig verdient gemacht. Einer ihrer erfolgreichen Vertreter ist der viel zitierte Ökonomieprofessor Bruno S. Frey von der Universität Zürich, der sich mit Glücksforschung einen internationalen Namen gemacht hat; ein anderer der israelisch-amerikanische Psychologieprofessor Daniel Kahneman, der 2002 für seine Entscheidungstheorie (Prospect Theory) den Nobelpreis für Ökonomie erhalten hat.

Der fehlbare Homo oeconomicus

Die «neue» Richtung der Wirtschaftsforschung wird auch Behavioral Economics genannt. Sie ist in den siebziger Jahren ausgezogen, die alte Vorstellung vom Homo oeconomicus zu revidieren, indem sie nicht mehr von rational handelnden Individuen, die über kurz oder lang Aufwand und Ertrag zu optimieren trachten, ausging. Sondern von fehlbaren Menschen, die ihre Fehler häufig hartnäckig wiederholen und sich damit systematisch falsch verhalten.

Sehen, was kommt: Viele Zuschauer bleiben nach den Nachrichten vor dem Fernseher sitzen. (Bild: Pixelquelle.de)

Wenig optimierungsfreudig sind auch die Individuen, welche die Doktorandin Christine Benesch in ihrer Forschungsarbeit analysiert: ganz gewöhnliche, Fernsehzuschauerinnen und Fernsehzuschauer aus Europa. Viele von ihnen bleiben regelmässig länger vor dem Fernseher hängen, als ihnen lieb (und nützlich) ist.

Unzufrieden trotz oder wegen Fernsehen?

Besonders verbreitet sind negative Gefühle nach dem Fernsehen unter den Berufstätigen, die ihre Zeit selbst einteilen können, zum Beispiel bei Freischaffenden oder Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, denn für diese gäbe es immer etwas Sinnvolleres zu tun als fernsehen (Buchhaltung machen zum Beispiel oder ein wissenschaftliches Paper fertig schreiben). Anders bei Pensionierten, ihnen kommt es weniger darauf an, ob sie ihre Zeit vor dem Fernseher verbringen – ökonomisch ausgedrückt, haben sie tiefere Zeitopportunitätskosten. Ob unzufriedene Menschen allgemein mehr Fernsehen oder ob Fernsehen die Menschen unzufrieden macht, ist noch ungeklärt und wird Gegenstand weiterer Auswertungen der Lebenszufriedenheitsdaten sein.

Christine Benesch hat herausgefunden, dass der Durchschnittseuropäer - über die ganze Lebenszeit betrachtet - gleich viel Zeit vor dem Fernseher verbringt, wie am Arbeitsplatz. (Bild: Brigitte Blöchlinger)

Grassierende Willensschwäche

Eine negative Bilanz heisst noch lange nicht, dass die Leute sich ändern würden. Die meisten tappen immer wieder in die gleiche Falle: Sie stellen nach der als sinnvoll empfundenen Informationsbeschaffung – lies: Tagesschau – nicht ab, sondern bleiben beim Unterhaltungsprogramm hängen. Unter den Fernsehzuschauern grassiert eine grosse Willensschwäche, die sie davon abhält, Kosten und Nutzen des Fernseh-Konsums zu optimieren, sagt Christine Benesch.

Fernsehen ist mit geringem Aufwand (an Zeit, Organisation und Geld) verbunden – geringer als praktisch sämtliche anderen Freizeitbeschäftigungen wie Sport treiben oder Gäste einladen. Wovor viele Fernseh-Abhängigen jedoch ihre Augen verschliessen, sind die langfristigen Kosten wie zu wenig Schlaf, Schwinden der sozialen Kontakte oder Vernachlässigung der beruflichen Weiterbildung.

Europäische Datensätze

Fernsehen beanspruche, über die ganze Lebenszeit eines Menschen betrachtet, gleich viel Zeit wie Arbeiten, sagt Benesch, trotzdem gebe es praktisch keine ökonomische Forschung zum Fernseh-Konsum. Für ihre Untersuchungen kann sie sich jedoch auf verschiedene aktuelle internationale Datensätze stützen (die 40'000 Menschen aus 20 europäischen Ländern umfassende Querschnittsanalyse European Social Survey aus den Jahren 2002–04 etwa, ausserdem auf den World Value Survey und das Deutsche Haushaltspanel u.a.). Die Hunderttausenden von Daten sind frei verfügbar; die Aufbereitung jedoch, die es zum Testen der Hypothesen braucht, ist mit grossem Aufwand verbunden. Doch Christine Benesch ist fasziniert von der wissenschaftlichen Arbeit. «Mich interessiert vor allem, ob die Annahmen, die man so macht, auch wirklich zutreffen; ob die Welt wirklich so aussieht, wie wir sie uns vorstellen», erklärt sie ihre Begeisterung für die empirische Wirtschaftsforschung.

«Eine schöne Bestätigung»

Christine Beneschs Doktorvater Prof. Bruno S. Frey emeritiert im Sommer und wird danach keine Assistenzstellen mehr zur Verfügung haben. Da kommt die finanzielle Unterstützung durch den Forschungskredit der Universität Zürich doppelt gelegen. Er ermöglicht der Doktorandin, sich weiterhin ganz auf ihre Dissertation zu konzentrieren und «in etwa zwei, drei Jahren» abzuschliessen. Ohne finanzielle Unterstützung hätte sie sich einen Brotjob suchen müssen. Aber auch die ideelle Unterstützung motiviert. «Es freut mich, dass ich an einem so interessanten Institut arbeiten kann, und natürlich auch, dass mein Projekt als unterstützenswert eingestuft wurde», sagt Benesch, «das ist eine schöne Bestätigung.»

Brigitte Blöchlinger ist unipublic-Redaktorin

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