Rickettsiose: unbekannte Zeckenkrankheit

Ist die durch Zeckenbisse übertragene Rickettsiose bei Mensch und Haustier relevant, möchte die Veterinärmedizinerin Felicitas Boretti, Oberassistentin an der Klinik für Kleintiermedizin, herausfinden. Der Forschungskredit der Universität Zürich unterstützt sie dabei und ermöglicht ihr ausserdem, ein Testverfahren für Rickettsiose zu entwickeln.

Lena Serck-Hanssen 

Was für ein Glücksgefühl: Picknick am Waldrand. Man legt sich ins stopplige Gras, die Sonne wärmt, und plötzlich meint man zu verstehen, wie Mörike empfunden hat, als er sein Gedicht verfasste:

«Frühling lässt sein blaues Band,
Wieder flattern durch die Lüfte.»

Doch in dieser Idylle lauert Gefahr: Die Zecken sind aus ihrer Winterstarre erwacht und suchen sich ihre Opfer. Zecken sind Parasiten und ernähren sich vom Blut ihrer Wirte. Bei der Blutmahlzeit dieser winzigen Lebewesen können bekanntlich eine Reihe von Krankheitserregern übertragen werden, die beim Menschen teilweise schwere Krankheitsbilder auslösen können. So erstaunt es nicht, dass die Zecke in unseren Breitengraden als das für den Menschen gefährlichste Tier gilt. Neben den bekannten Krankheiten Borreliose und Frühsommer-Meningoenzephalitis, auch FSME oder Zecken-Meningitis genannt, gibt es aber noch weitere Zeckenkrankheiten, die in Europa ebenfalls alle stark an Häufigkeit zugenommen haben. Über die Gründe für diese Zunahme kann nur spekuliert werden; erhöhte Temperaturen während der Wintermonate scheinen dabei jedoch eine Rolle zu spielen.

Warme Winter begünstigen die Zeckenausbreitung und erhöhen damit für Mensch und Tier das Risiko, von einer durch Zeckenbisse übertragenen Krankheit betroffen zu sein. (Bild: zVg)

Milde bis schwere Symptome

Eine der weniger bekannten Zeckenkrankheiten ist die sogenannte Rickettsiose, benannt nach ihrem Erregerbakterium, der Rickettsia. Je nach Spezies des Bakteriums reicht das Krankheitsbild von mildem Unwohlsein bis lebensbedrohenden Symptomen wie z.B. Herzmuskelentzündungen. Bislang sind mehrere Fälle von Rickettsiosen mit tödlichem Ausgang beim Menschen bekannt. Erstaunlicherweise fehlen aber jegliche Hinweise auf das Vorkommen dieser Krankheit bei Haustieren in der Schweiz.

Entwickelt ein Standardverfahren zur Diagnostik von Infektionen mit Rickettsia helvetica: Veterinärmedizinerin Felicitas Boretti, Oberassistentin an der Klinik für Kleintiermedizin. (Bild: zVg)

Die Veterinärmedizinerin Felicitas Boretti, Oberassistentin an der Klinik für Kleintiermedizin, konnte bei ihrer klinischen Arbeit beobachten, dass Zeckenbefall in der Veterinärmedizin trotz der vermehrten Verwendung von Zeckenschutzmitteln immer noch ein häufiges Problem darstellt. Gleichzeitig werden in der Klinik häufig Tiere, vor allem Hunde, mit unerklärlichem Fieber vorgestellt. Dieses lässt sich zwar mit Antibiotika wirksam behandeln, die Ursache bleibt jedoch oft unklar. Boretti vermutete, dass Rickettsien für einen Teil dieser Krankheitsfälle verantwortlich sein könnten und lancierte ein Forschungsprojekt. Damit sollte untersucht werden, ob auch Haustiere durch Rickettsien beziehungsweise durch den für die Schweiz relevanten Erreger Rickettsia helvetica infiziert werden und ob diese Infektionen für die Tiere und deren Besitzer relevant sind. Da bislang zuverlässige Routinetestmethoden fehlen, mit deren Hilfe man eine Rickettsiose in einem frühen Stadium diagnostizieren könnte, ist ein weiteres wichtiges Ziel der Studie, ein Standardverfahren zur Diagnostik von Infektionen mit R. helvetica bei Haustieren zu entwickeln.

Diagnoseverfahren entwickeln

Das Forschungsprojekt ist eine Zusammenarbeit innerhalb der Arbeitsgruppe für klinische Infektiologie von Dr. Boretti und Frau Prof. Hofmann-Lehmann vom Veterinärmedizinischen Labor der Universität Zürich und beschäftigt zusätzlich die Doktorandin Andrea Perreten.

Um zu klären, wie gross der Anteil der in der Schweiz mit R. helvetica infizierten Zecken ist, wurden letzten Sommer in der offenen Vegetation Zecken der Art des Gemeinen Holzbocks (Ixodes ricinus) eingesammelt. Dabei wurde die sogenannte «cloth dragging»-Methode angewendet, das heisst, man fährt mit einem weissen Tuch durch Wiesen und Büsche und liest nachher die daran haftenden Zecken ab. Weiter wurden Hunde, die zur Behandlung ins Tierspital kamen, auf Zecken untersucht. Auf diese Art kamen 2000 Zecken vor allem aus der Region Zürich zusammen, deren DNA in Pools zu 10 Zecken mit Hilfe der Polymerase Chain Reaction (PCR) auf R. helvetica untersucht wurden. Wie es scheint, sind die Mehrzahl der Zecken infiziert, Bestätigungsuntersuchungen sind bereits im Gange.

Zecken sind Schmarotzer, die sich mit dem Blut ihres Wirtes, Mensch oder Tier, vollsaugen – dabei können krankheitserregende Bakterien wie Rickettsia helvetica übertragen werden. (Bild: zVg)

Mehrzahl der Zecken infiziert

In einem zweiten Schritt geht es nun darum, das Blut von kranken Tieren oder solchen mit nachgewiesenem Zeckenstich auf R. helvetica sowie auf Antikörper dagegen zu untersuchen. Die Blutproben werden über einen längeren Zeitraum wiederholt entnommen. Da für die Untersuchung des Vorhandenseins von R. helvetica keine kommerziellen Tests zur Verfügung stehen, müssen Felicitas Boretti und ihr Team ein eigenes Testverfahren auf der Basis der Immunfluoreszenz entwickeln. Dafür wird eine genügend grosse Zahl von Erregern auf einen Objektträger aufgetragen und Serum möglicherweise infizierter Tiere dazugegeben. Wurde das Tier infiziert und hat es bereits Antikörper gegen R. helvetica gebildet, bilden Erreger (Antigen) und Antikörper einen Komplex. Versetzt man nun einen zweiten Antikörper gegen diesen Komplex mit einem fluoreszierenden Farbstoff, so kann man visuell nachweisen, ob eine Infektion vorliegt. Ist dies der Fall, wird das betroffene Tier beziehungsweise dessen Blut umfassend untersucht und eine genaue Anamnese erhoben, um Anhaltspunkte über die Relevanz dieser Infektion zu erhalten. Sollte sich das Testverfahren als zuverlässig und aussagekräftig erweisen, wäre später eine Vermarktung durchaus denkbar.

Weitere Untersuchungen im Rahmen eines Folgeprojekts könnten Aufschluss darüber geben, ob Hunde nur als Überträger auf ihre Besitzer funktionieren, selber aber gar nicht erkranken.

Damit Boretti eine Doktorandin für die Probenuntersuchungen anstellen kann, hat sie einen Beitrag vom Forschungskredit der Universität Zürich beantragt. Dieser deckt den Doktorandenlohn für rund 18 Monate.

Doppelte Nachwuchsförderung

Felicitas Boretti gefällt es am Tierspital. «Die Stimmung ist gut. Wir sind hier wie eine grosse Familie», meint sie. Mehr als zufrieden äussert sie sich auch zu der an der Vetsuisse-Fakultät betriebenen Frauenförderung. So wurde ihr durch ihre Vorgesetzte, Frau Prof. Claudia Reusch, ermöglicht, dass sie als frischgebackene Mutter ihre Oberassistentenstelle im Job sharing mit einer Kollegin, die ebenfalls unlängst Mutter geworden ist, behalten konnte. Ausserdem wird sie im ersten Jahr von ihren klinischen Aufgaben freigestellt, um sich so während der gesamten Zeit ihres Teilzeitpensums auf die Forschung konzentrieren zu können. Nach einem Anstoss von Boretti und anderen Frauen vom Tierspital ist Prodekan Prof. Hans Lutz mit Unterstützung der Vetsuisse-Fakultät nun daran, eine Tierspital-eigene Krippe auf die Beine zu stellen. Dies würde Sohn Flurin und anderen Sprösslingen der VeterinärmedizinerInnen erlauben, nicht weit vom Arbeitsplatz der Eltern in idyllischer Umgebung betreut zu werden. So erfüllte der Forschungskredit seinen Zweck der Nachwuchsförderung gleich in doppelter Weise.

 

 

Die Stiftung Mercator Schweiz engagiert sich mit fünf Millionen Franken für den Forschungskredit Dank der Zuwendung kann die Ausschreibung des Forschungskredits, des wichtigsten Förderinstruments für den akademischen Nachwuchs der Universität Zürich, während fünf Jahren um jährlich eine Million Franken aufgestockt werden. Die Stiftung Mercator Schweiz wurde 1996 von der aus Duisburg (D) stammenden Handelsfamilie Karl Schmidt gegründet. Sie unterstützt Projekte, die im Sinne Gerhard Mercators Toleranz und den aktiven Wissensaustausch zwischen Menschen mit unterschiedlichem nationalen, kulturellen und sozialen Hintergrund fördern. Der Präsident der Stiftung Mercator Schweiz, Michael Schmidt, zum Engagement an der UZH: «Das Anliegen der Universität Zürich, exzellente junge Wissenschafterinnen und Wissenschafter besonders zu fördern, unterstützen wir sehr gerne.»

Lena Serck-Hanssen ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Stabsstelle des Prorektorats Medizin und Naturwissenschaften.

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