Beate Kuhnt und Andreas Huber

«Wir kommen, um zu stören»

Wenn bei komplexen Informatik-Projekten die sozialen Probleme grösser werden als die technischen, sind Beate Kuhnt und Andreas Huber beratend zur Stelle. Am Institut für Informatik lehren sie IT-Projektleitern, neue Perspektiven einzunehmen.

David Werner

Andreas Huber und Beate Kuhnt gleichen Betriebsblindheit bei IT-Projekten aus: «Wir stellen ungewohnte Fragen, provozieren, brechen Tabus.»

Sie kommen, um zu stören. Sie treten in Aktion, wenn in grossen Organisationen wie Versicherungen, Banken oder Steuerverwaltungen innovative Informatiklösungen entwickelt und umgesetzt werden sollen und dabei plötzlich mehr neue Probleme auftauchen, als alte behoben werden. Sie ziehen die Notbremse, wenn die eine Hand nicht mehr weiss, was die andere tut und alle Projektgruppen blindlings in verschiedene Richtungen laufen. Sie stellen unbequeme Fragen, wenn Ängste, Rivalitäten oder Profilierungsabsichten einzelner Mitarbeiter den Blick aufs Ziel verstellen. Sie greifen ein, wenn Delegierte der Finanz-, der Service- und der Informatik-Abteilungen Sitzung für Sitzung notorisch aneinander vorbeireden. Bei Hektik verbreiten sie Gelassenheit, bei Flaute sorgen sie für Wirbel.

Punktuelle Interventionen

Beate Kuhnt und Andreas Huber coachen Projektmanager, moderieren zwischen zerstrittenen Parteien – und stören dabei gezielt eingespielte Verhaltensmuster.«Bei komplexen IT-Projekten fallen soziale und kommunikative Probleme stärker ins Gewicht als technische», sagt Kuhnt. Durch die Vielzahl an Beteiligten mit all ihren unterschiedlichen Interessen und Perspektiven entwickeln sich im Verlauf komplexer Projekte sehr schnell Eigengesetzlichkeiten, die sich der Kontrolle des zentralen Managements entziehen. Kommt es zu Blockaden, Leerläufen und Fehlentwicklungen, ist die Ursache oft nicht mehr lokalisierbar. «In solch verfahrenen Situationen», erklärt Huber, «kann durch punktuelle Interventionen oft mehr erreicht werden als durch zentrale Lenkungsmassnahmen.»

Kuhnt und Huber sind Mitarbeitende des Schwerpunkts MIO (Mensch, Informatik, Organisation) am Institut für Informatik der Universität Zürich. Ihr Beratungsservice hat sich aus Weiterbildungskursen heraus entwickelt. «Ehemalige Teilnehmende baten uns, sie bei konkreten IT-Projekten, zu unterstützen, die sie zu leiten hatten», erzählt Kuhnt. Daraus ergaben sich willkommene Rückwirkungen auf die Lehrveranstaltungen: «Seit wir auch als Berater arbeiten», sagt Huber, «haben unsere Kurse erheblich an Anschaulichkeit gewonnen.»

Kuhnt und Huber kombinieren Fachwissen aus der Informatik mit soziologischen Theorien, namentlich mit Systemstheorie, konstruktivistischer Erkenntnistheorie und Komplexitätstheorie. Ausdrücklich bezeichnen sie ihre Beratungsdienstleistungen als «theoriegeleitet», was einen erstaunen mag.

Theoretische Brille gegen Betriebsblindheit

Ist soviel hochfliegendes Gedankengut im Getümmel alltäglicher Auseinandersetzungen hilfreich? Stösst die dezidiert akademische Sichtweise bei altgedienten Kadermitgliedern und erfahrenen Berufsleuten überhaupt auf Akzeptanz? Huber: «Unsere Funktion ist die von Hofnarren: Wir stellen ungewohnte Fragen, provozieren, brechen Tabus. Wir erlauben uns, alles etwas anders zu sehen, als es den Gepflogenheiten entspricht. Die Distanz, die dazu nötig ist, verdanken wir unserem Theorie-Instrumentarium.»

«Unsere betont theoretische Ausrichtung», ergänzt Kuhnt, «ist kein Nachteil. Sie ist unser Trumpf. Würden wir unsere Beratung auf Erfahrungswissen gründen, wären wir auf demselben Auge blind wie die Firmenmitarbeitenden, die seit Jahren ihre Arbeit tun. Wir versuchen ja gerade, Betriebsblindheiten auszugleichen; das schaffen wir nur, indem wir die gegebenen Verhältnisse durch die verfremdende Optik der Theorie betrachten.»

David Werner ist Redaktor des unijournals

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