Irin Maier

«Wir haben letztlich dasselbe Ziel»

Irin Maier befasst sich am Institut für Hirnforschung mit Therapien für hirnverletzte und querschnittgelähmte Patienten. Unterstützt wird sie dabei vom Pharmakonzern Novartis. Eine Zusammenarbeit, von der beide Seiten profitieren.

Sascha Renner

Irin Maier: «Ich rufe an, und die Antikörper werden innert weniger Tage geliefert.»

Irin Maier tut etwas Bedeutendes. Etwas so Bedeutendes, dass ein grosser Pharmakonzern dazu bereit ist, die Doktorandin und weitere Forschende am Institut für Hirnforschung der UZH mit modernster Technologie und einem Kostendach in Millionenhöhe auszustatten. Als Teil der Forschungsgruppe Schwab will Irin Maier in enger Zusammenarbeit mit dem Industriepartner Novartis herausfinden, wie querschnittgelähmten und hirnverletzten Patienten dereinst geholfen werden kann.

Überzeugende Argumente

Der Zusammenarbeitsvertrag, eine der schweizweit grössten Industriekooperationen, geht auf Martin Schwab zurück. «Wir hatten überzeugende Argumente», sagt der Direktor des Instituts für Hirnforschung: «Wir sind eines der führenden Zentren für Neurowissenschaften weltweit.» Zusammen mit Paul Herring, damals Forschungsleiter bei Novartis, hat Schwab 1998 die gemeinsame Plattform ins Leben gerufen, auf der man sich kennen lernen und informell Ideen austauschen kann. An monatlichen Treffen in Basel und Zürich stellen Novartis-Forscher ihre Entwicklungen und Einrichtungen vor. Und Zürcher Nachwuchskräfte promovieren im Rahmen gemeinsamer Projekte.

Bereits 1988 entdeckten die Forscherinnen und Forscher um Martin Schwab ein Eiweiss, das im Zentralnervensystem als Stoppsignal das Nervenwachstum blockiert. Es gelang ihnen, einen Antikörper dagegen zu entwickeln. Diese Therapie erwies sich im Tierversuch als sehr wirksam – Ratten konnten drei bis vier Wochen nach der Antikörper-Behandlung wieder über dünne Holzstäbe balancieren und Makaken ihre Hände benutzen.

Bewegung und Antikörper

Aber auch ein gezieltes Bewegunsgtraining beeinflusst das Wachstum der Nervenfasern positiv. Das Ziel von Irin Maiers Dissertation ist es, den Effekt von Training nach Rückenmarkverletzungen genauer zu untersuchen sowie zu bestimmen, ob eine Kombinationstherapie mit Antikörpern einen synergistischen Effekt hat. Für ihre Experimente benötigt sie Antikörper im Milligrammbereich – für molekulare Dimensionen ungeheure Mengen. Hier steht Novartis mit ihrer technologischen Infrastruktur zur Seite. Die Firma stellt die entsprechenden Substanzen in der benötigten Menge bereit. «Ich rufe an, und die Antikörper werden innert weniger Tage geliefert», erklärt Irin Maier.

Im Gegenzug wartet man ihre Ergebnisse in Basel mit Ungeduld ab. Sie stellen mit die Grundlage für eine spätere kommerzielle Nutzung dar, für die Novartis die Lizenz besitzt. So produziert die Zusammenführung der Potenziale beider Partner einen Mehrwert, von dem jede Seite erheblich profitiert. Die Kooperation erachtet Maier über den wissenschaftlichen Austausch hinaus als wertvoll: Sie erlaube es ihr, bereits jetzt Einblick in die «Businessseite» der Wissenschaft zu erhalten.

Forschungsfreiheit gewährleitstet

Befürchtungen, Geschäftsinteressen könnten die Ergebnisse ihrer Dissertation beeinträchtigen, hätten sich trotz der Mittelzuflüsse aus Basel als grundlos erwiesen. Der Industriepartner darf die Verbreitung missliebiger Ergebnisse nicht verhindern, auch wenn jedes Paper vorgängig vorgelegt werden muss. So schwieg der Konzern, als Maiers Prüfung einer Kombinationstherapie an Ratten nicht den erwarteten positiven Effekt brachte. «Wir haben letztlich alle dasselbe Ziel: das Nervensystem besser zu verstehen. Interessenskonflikte sind daher unwahrscheinlich.»

Sascha Renner ist Redaktor des unijournals

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