Mario Gmür

«Ich nutze meine Freiheit»

Der Psychotherapeut Mario Gmür schreibt Bücher über Medienopfer und geniesst als Privatdozent die Freiheit, die Themen seiner Lehrveranstaltungen selber bestimmen zu können.

Tanja Wirz

Mario Gmür: «Als selbständiger Therapeut bin ich unabhängig von der Scientific Community.» (Bild: Frank Brüderli)

Vor laufender Kamera zerriss er als Teilnehmer einer TVSendung kürzlich ein Exemplar der Bild-Zeitung und warf es demonstrativ in den Abfalleimer: Der Zürcher Psychotherapeut und Privatdozent für Psychiatrie Mario Gmür ist ein eloquenter Medienkritiker. Woher kommt seine Aversion gegen Boulevard-Zeitschriften? Als Psychiater verfasste er wiederholt forensische Gutachten und erlebte dabei, wie manche der Begutachteten noch während laufendem Gerichtsprozess von den Medien vorverurteilt und zum Abschuss freigegeben wurden.

Auch in seiner Praxis erschienen Patienten, welche unter Medienkampagnen zu leiden hatten. Gmür fiel auf, dass die Opfer solch unfreundlicher medialer Aufmerksamkeit ähnliche Symptome zeigten wie Traumaopfer.

Medienopfer und Rachephantasien

Seine Beobachtung hat er in zwei Büchern publiziert, die sich an eine breite Leserschaft wenden: «Der öffentliche Mensch – Medienstars und Medienopfer» (2002) und «Das Medienopfersyndrom » (2007). Gmür übt darin radikale Kritik an Journalisten, die für eine höhere Einschaltquote die Privatsphäre der Menschen verletzen. Werden Menschen in den Medien lächerlich gemacht, wird Intimes über sie ausgeplaudert oder gar Falsches berichtet, kann dies zu grossem psychischem Leid führen: Man schämt sich, fürchtet um sein Ansehen, seine Freunde und gar den Job. Medienopfer können depressiv werden, hegen Rachefantasien, fühlen sich schuldig und ohnmächtig.

Mario Gmür hat sich allerdings nicht auf Medienopfer spezialisiert. Seine Habilitation galt der Schizophrenie, er hat sich mit Spielsucht befasst und 2006 ein Buch über Extremisten publiziert. Fragt man Gmür nach seiner Tätigkeit an der Universität, kalauert er: «Ich bin Dozent für Egalistik. Denn ich darf die Freiheit der Lehre uneingeschränkt ausnützen.» Als Privatdozent entscheidet er selber, was er für Lehrveranstaltungen anbietet. Zurzeit widmet er sich dem Thema Rechtspsychologie.

Narrenfreiheit

Als selbstständiger Therapeut geniesst er eine gewisse Narrenfreiheit und ist unabhängig vom Wohlwollen der Scientific Community. Und die ist ihm in der Psychiatrie auch viel zu biologistisch: «Die Erkenntnisse der Neurologie sind interessant, doch die geisteswissenschaftliche Seite kommt zu kurz», erklärt Mario Gmür, in dessen Büchergestell die Gesamtausgaben von Freud und Jung einen viel benutzten Eindruck machen. «Das ist wie beim Klavierspielen: Es ist schon wichtig, wie die Klaviatur gebaut ist. Aber ohne Partitur, ohne Komposition gibt es keine Musik.»

Ein weiteres Interesse des Psychiaters gilt der Sprache: «Wie eine Krankheit sich sprachlich äussert, ist wichtig für ihr Verständnis.» Aus diesem Grund sammelt Mario Gmür bereits seit Jahrzehnten Texte von Schizophreniepatienten: Briefe, Gedichte, Tagebuchnotizen und Abhandlungen. Mit Einwilligung der Verfasser liess er eine Reihe davon von einem Schauspieler auf Tonband sprechen und verwendete sie fortan in seinen Kursen und Veranstaltungen. Seine Studentinnen und Studenten waren fasziniert davon, und schliesslich entstand sogar ein literarisches Projekt daraus: Eine szenische Lesung unter dem Titel «Die Gefühle befinden sich im Gehirn», die inzwischen – vorgetragen von Schauspielern und begleitet von Akkordeonmusik – bereits rund fünfzig Mal auf Kleinkunstbühnen in der ganzen Schweiz zu sehen war.

Tanja Wirz ist Journalistin

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