Qualität in den Medien

«Journalisten sind keine Schraubenfabrikanten»

Ist Qualität im Journalismus in Zukunft noch finanzierbar? Wie steht es um das Verhältnis von Medien und Medienforschung? Und warum lassen sich Journalistinnen und Journalisten so ungern kritisieren? Fragen wie diese wurden an einer Podiumsveranstaltung des Instituts für Publizistikwissenschaft und Medienforschung (IPMZ) diskutiert.

David Werner

Nehmen Medienschaffende Erkenntnisse der Medienforschung überhaupt zur Kenntnis, fragte IPMZ-Leiter Otfried Jarren. (Bild: David Werner)

Das Interesse an Medienfragen ist ungebrochen. Das zeigte allein schon der Publikumsaufmarsch am Montagabend in der Universität Zürich Nord. Er war grösser als erwartet, in aller Eile mussten in letzter Minute noch zusätzliche Sitzgelegenheiten organisiert werden. Die Kommunikationswissenschaft – sie boomt seit vielen Jahren. Je stärker sich die Gesellschaft zur Informationsgesellschaft entwickelt, desto grösser wird der Bedarf nach kritischer Reflexion der Rolle der Medien. Doch was fangen Medienmacherinnen und Machern selbst mit den Erkenntnissen der Medienforschung an? Nehmen sie diese überhaupt zur Kenntnis? Mit dieser Frage eröffnete Gastgeber Otfried Jarren, scheidender Leiter des IPMZ und künftiger Prorektor Geistes- und Sozialwissenschaften, die Diskussion.

Den Spiegel vorhalten

Moderator Roger de Weck leitete die Frage in zugespitzter Form an NZZ-Chefredaktor Markus Spillmann und Fernsehdirektorin Ingrid Deltenre weiter: «Fühlen Sie sich wohl dabei, wenn die Qualität ihrer Produkte vom IPMZ geprüft werden soll?» Deltenre bejahte, man lasse sich gern den Spiegel vorhalten, man sei beim Fernsehen Kritik gewohnt, und Studien des IPMZ hätten schon mehrfach wichtige Reflexionsprozesse ausgelöst. Spillmann dagegen bekannte, dass ihn der Gedanke an eine Qualitätskontrolle durch Forschende «mulmig» stimme und gab zu bedenken, dass es im Journalismus «keine objektiven Beurteilungsmassstäbe, wie in einer ISO-zertifzierten Schraubenfabrik» gebe.

Sind nicht gleich offen für eine Qualitäts-Beurteilung durch die Wissenschaft: NZZ-Chefredaktor Markus Spillmann (l.) und Fernsehdirektorin Ingrid Deltenre befragt von Moderator Roger de Weck (r.) (Bild: David Werner)

Qualität von innen heraus

Matthias Ramsauer, Vizedirektor des Bundesamtes für Kommunikation (Bakom), verdeutlichte demgegenüber, dass die Institutionalisierung von Qualitätssicherungssystemen nicht als ein Aufoktroyieren fremder Richtlinien zu verstehen sei: «Wir wollen nicht als Regulator den Medien Vorschriften machen, sondern sie dazu zu bringen, Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass journalistische Qualität von innen heraus wachsen kann.» Die Medien, so führte er aus, sollten ihre Qualitätsmassstäbe selbst verbindlich festlegen – und sich dann daran messen lassen.

Kritikscheuer Journalismus

Dieser Meinung war auch Kurt Imhof , Publizistik- und Soziologieprofessor am IPMZ. Angesichts der Kommerzialisierung der Medien und des rasanten Qualitätsschwundes, betonte er, seien Elemente der institutionalisierten Qualitätssicherung «die einzige Lösung», zumal die einst vorhandene Bereitschaft der Medien, sich wechselseitig zu kritisieren, heute «gegen Null» tendiere. «Jetzt», folgerte Imhof, «muss die Wissenschaft die Aufgabe der Medienkritik übernehmen». Dies allerdings sei nicht einfach, denn: «Es gibt kein kritikscheueres Segment der Gesellschaft als die Medienschaffenden – obwohl diese selbst am meisten Kritik austeilen.» Die Empfindlichkeiten der Journalistinnen und Journalisten, so erklärte er, erfordere geradezu ein «therapeutisches Vorgehen».

Verbandelte Medien

Auch Josefa Haas, Leiterin des Medieninstituts des Verbandes Schweizer Presse, konstatierte, dass im Journalismus Fehlleistungen weniger als in anderen Branchen bekämpft würden. Sie bedauerte, dass bis auf zwei Ausnahmen in der Schweizer Tagespresse spezialisierte Medienredaktionen abgeschafft worden seien. Es gebe zwar immer mehr Medien – paradoxerweise aber gebe es in den Medien immer weniger reflektierte und kritische Auseinandersetzung über die Medien.

Bakom-Vizedirektor Matthias Ramsauer will den Medien keine Qualitäts-Vorschriften aufzwingen, während sich Josefa Haas, Leiterin des Medieninstituts des Verbandes Schweizer Presse, mehr Medienberichterstattung in den Medien wünscht. (Bild: David Werner)

Gabriele Siegert, Professorin für Medienökonomie am IPMZ, erklärte dieses Phänomen mit der der Lockerung der parteilichen Bindung der Medien, die zur Herausbildung eines eigenen, kommerzialisierten Mediensystems geführt habe: «Die verschiedenen Redaktionen», sagte sie, «sind entweder durch Besitzverhältnisse untereinander verbandelt oder stehen in einem kommerziellen Konkurrenzverhältnis zueinander». So werde es Journalistinnen und Journalisten verunmöglicht, über andere Medien aus einer unabhängigen Aussenperspektive heraus zu berichten.

Nicht über dumme Leser jammern

Journalistische Qualität gründet jedoch nicht nur auf Sicherungssystemen und wechselseitiger Kritik – sie muss auch bezahlt werden können. Angesichts der zunehmenden Abwendung der Werbewirtschaft von der Qualitätspresse und der massenhaften Hinwendung der Leser zu Gratis-Informationsangeboten sei die Finanzierung fundierter Berichterstattung zur zentralen Herausforderung geworden, stellten die Podiumsteilnehmer übereinstimmend fest. Markus Spillmann wehrte sich dabei jedoch gegen allzu fatalistische Zukunftsszenarien: « Kulturpessimismus und das Jammern über die dummen Leser kann für uns nicht die Richtschnur sein. Es müssen neue Geschäftsmodelle gefunden werden, die auch in Zukunft die Finanzierung unserer Qualitätsvorstellungen erlauben.»

Erziehung nötig

Gabriele Siegert bemängelte, dass Medienkonsumenten in der Regel kaum reale Vorstellungen darüber hätten, wie aufwändig und kostspielig die Bereitstellung von Information sei. «Die Wissenschaft und die Medien müssen in der Bevölkerung mehr Bewusstsein dafür schaffen, dass Qualität ihren Preis hat», sagte Siegert. Heinz Bonfadelli, Publizistik-Professor am IPMZ, zielte in eine ähnliche Richtung: «Es bedarf einer Erziehung der Nutzerinnen und Nutzer», stellte er fest. Es gelte, aktiv auf die Jugend zuzugehen, um sie für den Wert fundierter journalistischer Berichterstattung zu sensibilisieren. Bisher habe es die Schweizer Qualitätspresse verschlafen, auf diese Weise auf ihre Stärken aufmerksam zu machen.

«Zeigen Sie mehr Präsenz in den Redaktionen!» Roger de Wecks Rat an die Medienwissenschaftlerin Gabriele Siegert und ihre Kollegen Heinz Bonfadelli und Kurt Imhof. (Bild: David Werner)

Mehr Neugier gewünscht

Am Schluss der Veranstaltung rückte nochmals das Verhältnis von Publizisitikwissenschaft und Medien in den Fokus. Das Zusammenspiel zwischen Forschenden und Medienschaffenden, resümierte Heinz Bonfadelli, funktioniere in der Schweiz im Allgemeinen gut, man kenne einander. Er wünsche sich jedoch seitens des Journalismus «etwas mehr Offenheit und Neugier der Wissenschaft gegenüber.» Komplementär dann das Schlusswort des ehemaligen Tagesanzeiger- und Zeit-Chefredaktors Roger de Weck: «Wenn ich einen Wunsch an die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler habe, dann diesen: Zeigen Sie mehr Präsenz in den Redaktionen!»

David Werner ist Redaktor des unijournals

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