Erfindungen der Zürcher Spitalmedizin

Wer hats erfunden?

Die Ausstellung «Vom Wissen zum Können» zeigt eine Auswahl der eindrücklichsten Innovationen der Zürcher Spitalmedizin aus den letzten 175 Jahren.

David Werner

Am Zürcher Universitätsspital (USZ) wirkten zu allen Zeiten erfinderische Geister, wie das Medizinhistorischen Museum in seiner aktuellen Ausstellung beweist. Andreas Grüntzig zum Beispiel ersann 1974 den Ballonkatheter zur Erweiterung verengter Arterien. Der damalige Oberarzt in der kardiologischen Abteilung des USZ arbeitete zuhause auf eigene Faust an diesem Projekt, das später auch kommerziell ein grosser Erfolg wurde. Eine Fotografie in der Ausstellung zeigt ihn, wie er zusammen mit seiner Mitarbeiterin Maria Schlumpf in seiner Wohnküche mit Kunststoffschläuchen experimentiert.

Oder Roland Kuhn, der Pionier der Psychopharmakologie: Ihm gelang 1956 mit dem Wirkstoff Imipramin, der eigentlich gegen Schizophrenie angewendet werden sollte, erstmals eine zuverlässige medikamentöse Depressionsbehandlung. Max Cloëtta wiederum, Direktor des Zürcher Pharmakologischen Instituts und von 1914 bis 1916 Rektor der Universität, entwickelte 1904 aus der Fingerhutpflanze das Herzpräparat Digalen, das ein Verkaufsschlager wurde und den wissenschaftlichen Ruf der damals noch kleinen Firma Roche begründete.

Otto Haabs Riesen-Augenmagnet. Das ausgestellte Exemplar wurde 1910 in der Maschinenfabrik Oerlikon gebaut. (Bild: Frank Brüderli)

Riesenmagnet rettet Augenlicht

Errungenschaften von insgesamt zwölf der bedeutendsten Zürcher Spitalmediziner stellt das Medizinhistorische Museum anhand verschiedenster Originaldokumente vor. Hauptattraktion sind dabei natürlich die technischen Erfindungen. Otto Haabs kegelförmiger Riesenmagnet etwa: Haab, von 1886 bis 1919 ordentlicher Professor an der Universität Zürich und Leiter der kantonalen Augenklinik, erdachte das Monstergerät im Jahr 1892. Es diente dem Ausziehen von Metallsplittern aus dem Auge. Mit der Spitze voran wurde der Magnet den Patienten direkt ans verletzte Sehorgan geführt. In der Industrie gab es damals häufig Unfälle mit Metallsplittern, da noch kaum Schutzbrillen getragen wurden. Haabs Erfindung bewahrte viele Patienten vor dem Erblinden.

Einer von Haabs Schülern, der Privatdozent für Augenheilkunde Adolf Eugen Fick, brachte ebenfalls eine wichtige Neuerungen auf den Weg: Er versuchte 1887 als erster, das Sehvermögen geschwächter Augen mit Hilfe von gekrümmten Glasschälchen zu verbessern. Ficks «Contactbrillen» standen am Anfang der Entwicklung modernen Kontaktlinsen.

Starchirurg im Krieg

Ein weiterer Höhepunkt der Ausstellung ist die Sauerbruch-Hand, eine willkürlich bewegbare künstliche Handprothese, benannt nach ihrem Erfinder. Während seiner Zeit als Leiter der chirurgischen Klinik des Universitätsspitals (1910 bis 1918) meldete sich der Starchirurg Ferdinand Sauerbruch freiwillig zum deutschen Sanitätsdienst. Die zahlreichen Amputationen, die er an Kriegsverletzten vorzunehmen hatte, beelendeten ihn – und regten ihn zur Entwicklung der Handprothese an. Man kann mit ihr ein Weinglas halten, ohne es zu zerdrücken.

Die Sauerbruch-Prothese, eine willkürlich bewegbare künstliche Hand, die Ferdinand Sauerbruch 1916 in Zürich entwickelte. Die Handprothese wurde mit Verbesserungen bis in die jüngste Zeit hergestellt. (Bild: Frank Brüderli)

Ein anderes Prunkstück ist die vom Zürcher «Herzkönig» Ake Senning entwickelte Herz-Lungenmaschine, mit deren Hilfe dem Schweden 1954 die erste Herzoperation in Europa gelang. 1958 erfand Senning auch den Herzschrittmacher. Drei Jahre später wurde er nach Zürich berufen und zum Direktor der chirurgischen Klinik A ernannt, die er rasch zu einem der weltweit führenden Zentren der Herz-, Lungen- und Gefässchirurgie machte. Zusammen mit Marko Turina und Roberto Busio entwickelte Senning ein Kunstherz, das 1977 erstmals einem Patienten das Leben rettete.

Briefe einer Geliebten

Den Grundstein für den hervorragenden Ruf der Zürcher Medizin legte in der Biedermeierzeit Johann Lukas Schönlein (1793-1864), der Gründer-Dekan der Medizinischen Fakultät. Innerhalb der ersten Professorengeneration der Universität Zürich war er der Star. Aus politischen Gründen wurde der liberale Katholik in Würzburg 1832 aller Ämter enthoben und konnte darum von der Universität Zürich als Internist gewonnen werden.

Schönlein war der berühmteste Kliniker seiner Zeit, und sein Unterricht zog viele Medizinstudenten aus einem internationalen Umkreis an. Er gilt als Begründer der «Naturhistorischen Schule», die von der spekulativen «Naturphilosophie» abrückte und strengere wissenschaftliche Methoden einforderte.

Einen prägenden Stempel drückte auch Rudolf Ulrich Krönlein (1847-1910) der Zürcher Spitalmedizin auf. Dieser Pionier der Magen-, Kropf- und Hirnchirurgie sowie der Lungenresektion war fast dreissig Jahre lang Direktor der chirurgischen Klinik. Krönlein genoss nahezu uneingeschränkte Autorität. Sein Schreibtisch, der in der Ausstellung zu sehen ist, strahlt diese Autorität noch heute aus. Um das Möbelstück rankt sich eine kleine Anekdote: Bis kurz vor seinem Tod bewahrte der Direktor offenbar ein Paket mit Briefen einer geliebten Frau darin auf. Sein Nachfolger Ferdinand Sauerbruch schreibt in seinen Memoiren, er habe diese Briefe für den sterbenden Junggesellen aus dem Schreibtisch holen und vor dessen Augen verbrennen müssen.

 

Die Ausstellung im Medizinhistorischen Museum dauert bis 30. November 2008. Öffnungszeiten: Di bis Fr 13-18 UhrSa und So 11-17 Uhr

David Werner ist Redaktor des unijournal

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