Festvortrag von Peter von Matt

Vom sezierenden Blick der Wissenschaften und der wohltuenden Wirkung des Mythos

Einen fulminanten Schlusspunkt setzten am Samstag die Theologische und die Philosophische Fakultät unter ihre Fakultätstage: Der emeritierte Literaturwissenschaftler Professor Peter von Matt nahm die Zuhörerinnen und Zuhörer auf eine fesselnde Spurensuche mit. Als Spiegel der öffentlichen Meinung fand er in der Literatur das Bild vom faszinierenden und zugleich beunruhigenden Wissenschaftler.

Marita Fuchs

Einen Beruf hat jede und jeder: Koch, Schmuggler, Bundesrat, Skilehrer oder Steuerberater. Selbst der Nichtstuer bleibt ein Nichtstuer. Kein Berufsbild sei jedoch begleitet von so vielen Klischees wie das des Wissenschaftlers, führte der Literaturwissenschaftler und Autor Peter von Matt am Samstag in der Aula aus. Sein Vortrag über «Übeltäter, trockne Schleicher, Lichtgestalten. Die Wissenschaft in der öffentlichen Phantasie» war ein Höhepunkt und gleichzeitig auch der Schlusspunkt der Fakultätstage der Philosophischen und der Theologischen Fakultät, die im Rahmen des Jubiläums stattfanden. Peter von Matt beleuchtete das Bild des Wissenschaftlers in der Öffentlichkeit. Zwischen Verachtung und Verehrung, zwischen Spott und Andacht pendle die Wahrnehmung der Wissenschaftler in den Augen der Öffentlichkeit hin und her.

Literatur und Kunst greifen die Klischees auf: Dr. Faust, Frankenstein und Dr. Mabuse erschrecken und faszinieren zugleich. Aber auch der unauffällige, arbeitsame Wissenschaftler werde mit diffusem Misstrauen betrachtet oder mit unklarem Respekt behandelt. Offenbar provoziere der Wissenschaftler die Bevölkerung schon durch seine blosse Existenz, meinte von Matt. Wie kommt es dazu?

Übeltäter, trockne Schleicher, Lichtgestalten: Professor Peter von Matt analysierte das Bild des Wissenschaftlers in der Öffentlichkeit. (Bild: unicom)

Übeltäter unter der Elfenbeinkuppel

Die immer wieder benutzte Metapher vom wissenschaftlichen Elfenbeinturm könne helfen, das Bild des Wissenschaftlers in der Volksseele zu erkennen, führte der Literaturwissenschaftler aus. Ursprünglich sei der Elfenbeinturm ein Erotikon aus dem Hohen Lied – daraus aber auf die sinnliche Attraktivität des Wissenschaftlers zu schliessen, so von Matt schmunzelnd, wäre wohl vorschnell. Das Bild vom Wissenschaftler im einsamen Kämmerchen hoch oben über dem Rest der Welt suggeriere heute, dass er nur etwas von seinem Fachgebiet und sonst nichts von der Realität verstünde. Da das Bild immer wieder bemüht werde, müsse von den Wissenschaften eine tiefe Kränkung ausgehen, die nur durch Abwertung und Ridikülisierung zu ertragen sei.

Neben dem Bild vom Wissenschaftler als weltfremdem Spinner stehe das Bild vom Wissenschaftler als Verbrecher. Stammzellen- oder Genforscher etwa stünden heute unter Verdacht. Beide Klischees stärkten jedoch das Selbstbewusstsein der Nichtwissenschaftler. Sie fühlten sich dem Wissenschaftler entweder in ihrer Lebenspraxis oder moralisch überlegen.

Von der Lichtgestalt zum Massenmörder

Weitere Klischees kommen hinzu: der zerstreute Professor, der Akademiker, der ewig mit seinem Manuskript hadert, der Kopfmensch, der seinen Körper vernachlässigt, der Professor, der ein seltsames Liebesleben führt, oder der wahnsinnige Wissenschaftler. Alle diese Klischees seien, so führte von Matt aus, von der Literatur und Kunst aufgegriffen und zum Teil umgedeutet worden.

Der zerstreute Professor etwa in Vladimir Nabokovs «Pnin» sei ein ergreifend komischer Mensch. Das Ringen des Wissenschaftlers mit dem Manuskript werde in Thomas Bernhards Roman «Kalkwerk» zu einer Auseinandersetzung mit der Sprache. «In dieser Prosa kommt es zu einem Tanz mit der Sprache. Das sinnlose Tun des Wissenschaftlers wird zu einem Bolero aus Sprache, über die Unmöglichkeit, zur Sprache zu kommen.»

In Goethes «Faust« schliesslich werde die Krisenerfahrung der Wissenschaftler inszeniert, sagte von Matt. Im «Osterspaziergang» erscheine Faust als Lichtgestalt der Wissenschaft. Die Bürger und Bürgerinnen bringen ihm hohe Achtung entgegen. Diese Erhebung zur Kultfigur weist Faust von sich, indem er sich gegenüber dem Famulus Wagner als Massenmörder bekennt. Tausende starben einst an einem vom ihm hergestellten vermeintlichen Heilmittel.

Hier überblende Goethe das Bild von der Lichtgestalt mit dem des Verbrechers, erläuterte von Matt. Der Famulus Wagner dagegen, der Typus des fortschrittsgläubigen Wissenschaftlers, den Faust einen trockenen Schleicher nennt, wird im zweiten Teil des Dramas wiederum vom Schleicher zur Lichtgestalt, indem er eine wissenschaftliche Grosstat erbringt: Er schafft einen künstlichen Menschen, den Homunculus.

Preis des Flunkerns

Fausts Krise habe auch in der Erkenntnis bestanden, dass die Einzelwissenschaften sich niemals zu einer grossen Einheit zusammenfügen werden und als solche der geschlossenen Weltdeutung des alten Mythos gegenübertreten können. «Je besser das einzelne erkannt wird, um so ahnungsloser stehen wir dem Ganzen gegenüber», führte von Matt aus. Das zu akzeptieren, seien die Menschen aber nicht bereit.

«Vom mythischen Denken werden die Menschen sich nie verabschieden, denn sie sehnen sich nach einer ganzheitlichen Welterklärung, und das schafft die Wissenschaft nie.» Das sei auch der Grund, warum die Wissenschaftler immer mit Skepsis betrachtet werden. «Als Ganze kann die Welt nur mythisch gedeutet werden, in einem Akt der Imagination», sagte von Matt am Ende seines Referates und gab dem Publikum einen Trost mit auf den Weg: Die Literatur. Sie halte es mit beiden, mit der Wissenschaft und dem Mythos. Das allerdings um den Preis des Flunkerns.

Marita Fuchs ist Redaktorin von unipublic

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