Henriette Haas

«Jedes Verbrechen ist einzigartig»

Die forensische Psychologin Henriette Haas hilft Polizei und Staatsanwaltschaften, Hinweise detailiert zu würdigen. Damit vermindert sie das Risiko von übereilten Hypothesen.

David Werner

Henriette Haas: «Man muss lernen, mit jedem Kriminalfall wieder ganz bei Null anzufangen.» (Bild: Frank Brüderli)

In der Fernsehwelt der Derricks und Colombos kommt es bei der Aufklärung von Verbrechen vor allem auf Menschenkenntnis, Instinktsicherheit und rasches Kombinieren an. In der wirklichen Welt ist das, wie so oft, ganz anders: «Um Kriminalfälle zu lösen sind neben Spürsinn und Intuition eher buchhalterische Qualitäten gefragt», sagt Henriette Haas, Privatdozentin am Psychologischen Institut der Universität Zürich. «Die menschliche Neigung, Fakten vorschnell zu interpretieren und ein unvollständiges Bild mit spekulativen Annahmen zu vervollständigen, führt zu übereilten Hypothesen über den Tathergang», erklärt Haas.

Als eine Art Korrektiv zu den Schwächen der spontanen Wahrnehmung hat Henriette Haas eine Methode entwickelt, die sie ganz unprätentiös «systematisches Beobachten» nennt. Erkenntnisse aus Hermeneutik, Wissenschaftstheorie, Semiotik und der kognitiven Psychologie sind darin eingeflossen. Die Methode erlaubt es, die Indizienlage eines aufzuklärenden Falles detailliert zu erfassen und dabei subjektive Wahrnehmungspräferenzen auf transparente und somit auch kritisierbare Art darzustellen.

Neue Fährten aufzeigen

Die vorhandenen Hinweise auf ein Verbrechen werden dazu in kleinstmögliche Elemente zergliedert und nach verschiedensten Gesichtspunkten tabellarisch aufgelistet. «Meine Methode», so die Forscherin, «ist mit Aufwand verbunden – führt aber zu reichhaltigeren Beobachtungen und kann die Entscheidung, in welche Richtungen weiter ermittelt werden soll, erleichtern und neue Fährten aufzeigen.»

Henriette Haas beschäftigt sich mit einem recht jungen Wissenschaftszweig: Die sogenannte «investigative Psychologie» entstand in den Neunzigerjahren im angelsächsischen Raum; ihr Zweck ist es, psychologische Erkenntnisse für die Polizei und die Justiz nutzbar zu machen. Entsprechend ist auch die Methode des «systematischen Beobachtens» als Ermittlungswerkzeug gedacht.

Test in der Praxis

Haas testet ihre Methode laufend in der Praxis: Im Nebenerwerb erstellt sie Fallanalysen im Auftrag der zuständigen Staatsanwaltschaften und anderer Behörden. So verwertet sie beispielsweise Einvernahmeprotokolle, vergleicht Zeugenaussagen oder analysiert Droh- und Erpresserbriefe.

Ihr kriminalpsychologisches Wissen vermittelt sie im Unterricht am Schweizerischen Polizeiinstitut und am Competence Center Forensik und Wirtschaftskriminalistik der Hochschule Luzern. Die Kontakte mit Staatsanwälten und Polizisten sind essenziell für ihr Forschungsprojekt: Henriette Haas will aus erster Hand wissen, mit welchen Problemen und Herausforderungen Ermittlerinnen und Ermittler täglich konfrontiert sind.

Viele ihrer praktischen Erfahrungen lässt sie auch in ihre Lehrveranstaltungen an der Universität einfliessen. Ihr besonderes Anliegen ist, Anregungen zum selbstständigen Denken zu geben. «Studierende verbringen viel Zeit und Mühe damit, sich kanonisches Wissen anzueignen. Ich versuche, sie vor Situationen zu stellen, in denen sie zunächst gar nichts wissen können und sich mögliche Zugänge und Fragestellungen erst erarbeiten müssen.» In solchen Situationen befindet sich Henriette Haas als Psychologin selbst immer wieder: «Mit jedem Fall», sagt sie, «fängt man wieder bei Null an. Jeder Mensch ist einzigartig – und so auch jedes Verbrechen.»

David Werner ist Redaktor des unijournals

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