Weiterbildung in angewandter Liturgik

«Gottesdienste sind Inszenierungen»

Gottesdienste sind immer auch Inszenierungen. In einem Weiterbildungs- Masterprogramm zeigt Ralph Kunz Pfarrerinnen und Pfarrern, was Theologen von Theaterleuten lernen können.

Tanja Wirz

Sonntagmorgen, die Verwandtschaft sitzt herausgeputzt in den Kirchenbänken. Der Pfarrer berührt die Stirn des Babys, das in den Armen seines Paten strampelt. Daneben steht eine Frau und hält eine Kerze. Das Stück, das hier gegeben wird, heisst «Taufe». Woher wissen die Darsteller, was sie wann und vor allem wie tun sollen?

Ralph Kunz: «Erfahrene Berufsleute sind anspruchsvolle Studierende». (Bild: Frank Brüderli)

Der Weiterbildungskurs in angewandter Liturgik, den der Zürcher Theologieprofessor Ralph Kunz leitet, nimmt sich solcher Fragen an. Kunz erklärt: «Der Gottesdienst – die Liturgie – ist eine Abfolge von Handlungen im Rahmen eines Rituals. Dazu gehört auch eine Rede, die Predigt. Um diese Handlungen glaubwürdig auszuüben, benötigen Pfarrer Präsenz – genau wie Schauspieler. Ein Gottesdienst ist stets auch eine Inszenierung.» Und deshalb, so die Überzeugung des Theologen, können Kirchenleute von den Theaterwissenschaften lernen.

Lernen mit Regisseuren

Dies ist ein Grundgedanke des seit 2006 angebotenen Zertifikats-, Diplom- und Masterprogramms «Präsenz und Präsentation im Gottesdienst». Dort können Pfarrerinnen und Pfarrer die Gottesdienstpraxis trainieren, wissenschaftliches Rüstzeug erarbeiten, um ihre Praxis historisch und theoretisch zu verorten, und neue Methoden und Formen kennen lernen.

Neben den zahlreichen theologischen Expertinnen und Experten hat Ralph Kunz den Münchner Regisseur Thomas Kabel als Dozenten eingeladen. Mit den Teilnehmenden übt er kirchliche Rituale und analysiert ihre Dramaturgie. Gestik und Körpersprache werden thematisiert und so eingeübt, dass die Pfarrer auf ihre Gemeinde authentisch wirken und ihr «Auftritt» auch zur Botschaft passt, die sie verkörpern möchten.

Keine «Showmaster»-Ausbildung

Die Kunst soll allerdings nicht nur dazu dienen, bessere «Showmaster» auszubilden, sondern ist integraler Bestandteil eines jeden Gottesdienstes: In der Kirche wird musiziert, gesungen, und auch die darstellende Kunst hat ihren Platz darin. Deshalb sind zahlreiche weitere Kunstschaffende unter den Dozierenden.

Gottesdienste sind «Gesamtkunstwerke» mit Wort, Musik, Licht und bildender Kunst: Adventsgottesdienst in der Marktkirche Hannover. (Bild: pixelio.de)

Das Programm ist eine Koproduktion der Universität mit den kirchlichen Weiterbildungsstellen. Die ersten achtzehn Teilnehmenden des Kurses haben inzwischen die Zertifikatsstufe erreicht; knapp die Hälfte von ihnen will die ganzen vier Jahre bis zum Master of Advanced Studies dran bleiben.

Hohes Niveau

Kunz erläutert: «Unsere Leute sind in der mittleren Phase der Berufslaufbahn und bringen einige Praxiserfahrung mit.» Dies macht sie zu besonders interessanten Studierenden: «Das Niveau ist sehr hoch», sagt Kunz und erzählt begeistert von der publikationsreifen Forschungsarbeit über die reformatorische Umdeutung des Horengebets, die einer der Teilnehmer im Rahmen der Weiterbildung verfasst hat.

Anspruchsvolle Studierende

Erfahrene Berufsleute sind allerdings auch anspruchsvolle Studierende. Der Kurs ist nicht billig, das zeitliche Engagement und die Erwartungen hoch. «Da kann es auch mal zu Zusammenstössen kommen», berichtet Ralph Kunz. «Etwa wenn die Leute finden, was der da jetzt erzählt, hat doch überhaupt nichts mit der Praxis zu tun!» Es kommen übrigens nicht etwa jene, die ein Defizit ausbügeln möchten, sondern solche, die bestehende Kompetenzen ausbauen und ihre berufliche Stellung stärken wollen. «Die Teilnehmenden», erklärt Kunz, «wollen ihren Wirkungskreis vergrössern – und selbst einmal Weiterbildungsveranstaltungen anbieten können».

Tanja Wirz ist Journalistin

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