Fussball und Geschäft

Pleitegeier und Superstars

Fussball ist zum grossen Geschäft geworden, in dem Milliarden umgesetzt und die besten Spieler als Superstars gefeiert und fürstlich entlöhnt werden. Die Ökonomen Egon Franck, Helmut Dietl und Stephan Nüesch lieferten gestern im Rahmen des «Zurich Football Forum» Erklärungen dafür, weshalb das so ist.

Thomas Gull

Es ist paradox: innerhalb von gut zehn Jahren sind die Umsätze im europäischen Profi-Fussball explodiert. Die fünf grössten Profi-Ligen Europas setzten in der Saison 95/96 2 Milliarden Euro um, 06/07 waren es bereits 7,7 Milliarden Euro. Trotz dieses Geldsegens sind die Gewinne der Klubs nicht gewachsen.

Zeigten die Hinter- und Abgründe des Profi-Fussballs auf: Stephan Nüesch, Egon Franck und Helmut Dietl (v.l n. r.). (Bild: Thomas Gull)

Ganz im Gegenteil, wie Egon Franck, Professor für Betriebswirtschaftlehre an der Universität Zürich, in seinem Referat beim Zurich Football Forum festhielt: Die Schulden der Klubs haben in den letzen Jahren massiv zugenommen, Insolvenzverfahren gehören im bezahlten Fussball zum Tagesgeschäft. Doch weshalb kreist der Pleitegeier trotz Geldregen über den europäischen Fussballklubs? Franck macht dafür den Wettbewerb unter den Klubs, die Führungsstrukturen und die Verteilung der Gelder verantwortlich.

Die drei sind eng miteinander verknüpft: Der Wettbewerb wird durch die Tatsache angeheizt, dass sich der sportliche Erfolg im Fussball in hohem Ausmass kaufen lässt: die Punktzahl in der Meisterschaft korreliert zu 65 bis 80 Prozent mit den Lohnsummen der Klubs. Gleichzeitig wird immer mehr Geld verteilt, allerdings sehr ungleich zwischen den erfolgreichen und weniger erfolgreichen Mannschaften, was dazu führt, dass alle mit hohen Einsätzen versuchen den Jackpot zu knacken, das heisst, sich etwa für die Champions League zu qualifizieren.

Die Folgen dieses «Rattenrennens» wie Franck es nennt, sind für die meisten Klubs ruinös. Da viele als Vereine organisiert sind oder vereinsähnliche Strukturen haben und somit niemand persönlich Geld verdienen oder verlieren kann, lohnt es sich für die Vereinsleitung in der Regel nicht, haushälterisch mit dem Geld umzugehen. Angestrebt wird deshalb vielfach der Erfolg um jeden Preis.

Explodierende Spielersaläre

Die Profiteure sind die Spieler. Seit dem so genannten Bosman-Urteil des Europäischen Gerichtshofes 1995 (benannt nach dem Spieler Jean-Marc Bosman), gelten Fussballer als normale Arbeitnehmer. Sie können sich damit frei auf dem europäischen Arbeitsmarkt bewegen und die Klubs dürfen keine Ablösesummen mehr verlangen. Damit ist in Europa ein eigentlicher Weltspielermarkt entstanden mit der Folge, dass die solventesten Klubs die Spieler von überall her zusammenkaufen können.

Das führte zu einer Explosion der Spielergehälter, die einen grossen Teil der Mehreinahmen der Klubs abschöpfen. Helmut Dietl, Professor für Services- und Operationsmanagement an der Universität Zürich, der sich zusammen mit Franck schon seit längerer Zeit mit der Ökonomie des Fussballs beschäftigt, analysierte den Arbeitsmarkt im Profisport.

Auffällig ist dabei, dass es im europäischen Fussball im Gegensatz etwa zum nordamerikanischen Profisport bisher keine Versuche gibt, die Lohnsummen der Klubs zu beschränken und so die Auswirkungen des Rattenrennens zu dämpfen. So kennen die amerikanischen Profiligen so genannte Salary Caps, das sind Obergrenzen der gesamten Lohnsumme für die Spieler einer Mannschaft. Oder es gibt Draft-Systeme, die es den schlechtesten Klubs erlauben, jeweils die Rechte an den besten Nachwuchstalenten zu erwerben. So wird für einen gewissen Ausgleich gesorgt, was die Ligen attraktiver macht.

Klubs in kleinen Ländern chancenlos

Ganz anders sieht es im europäischen Fussball aus, wo eine Zweiklassen-Gesellschaft entstanden ist mit einigen wenigen Klubs aus den grossen Ligen, die regelmässig in der Champions League spielen, und den Klubs in den kleinen Ländern, die gar keine Chance mehr haben, mitzuhalten, weil ihnen die finanziellen Ressourcen fehlen. Dietl nennt in seiner Diagnose dafür zwei Gründe: «Auf der einen Seite wurde der Spielermarkt liberalisiert, auf der anderen Seite bleiben die Absatzmärkte geschlossen.» Klubs in den grossen Absatzmärkten, wo viel Geld generiert wird, haben einen enormen Wettbewerbsvorteil. Die Frage ist allerdings, ob das auf die Dauer wirklich gut ist: «Wenn wir schon vorher wissen, wer gewinnt, ist der Fussball nicht mehr interessant», bemerkte Dietl.

Die grossen Stars spielen bei den reichsten Klubs in den besten Ligen. Doch was macht einen Superstar aus – wie und weshalb wird ein Spieler zum Superstar? Einen Star zeichnen in der Regel zwei Dinge aus: überdurchschnittliches Talent und Popularität. Wie es sich mit den beiden verhält, erklärte Stephan Nüesch, Oberassistent am Institut für Unternehmensökonomik.

Nüesch stellte sich die Frage, ob Superstars nur besser oder nur bekannter sind als andere Fussballer. Seine Antwort lautet: Sie sind besser und bekannter. Die Leistung auf dem Platz erhöht in der Regel den Marktwert und die mediale Aufmerksamkeit, der Spieler erscheint öfter in den Medien und wird dadurch populärer. Die Korrelation zwischen Talent und Popularität ist allerdings nicht absolut, wie etwa David Beckham beweist, der dank geschickter Selbstinszenierung zur Pop-Ikone geworden ist, obwohl er nicht zu den absolut besten Fussballern der Welt gehört.

Thomas Gull ist Redaktor des unimagazins

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