«Norges Naturlige Historie»

Zwischen Naturgeschichte und Naturwissenschaft

Was geschieht, wenn ein traditionell-religiöses Weltbild und naturwissenschaftliche Methodik aufeinander treffen? Dieses Spannungsfeld untersucht die Literaturwissenschaftlerin Simone Ochsner in Erik Pontoppidans «Norges Naturlige Historie» (1752/53). Der Forschungskredit unterstützt ihr Dissertationsprojekt.

Viviane Strebel

Simone Ochsner untersucht, wie «Wissen» im Spannungsfeld von Religion und Naturwissenschaft entsteht. (Bild: zVg)

Sind «Meermonster» wie etwa Riesenkraken, ungeheure Seeschlangen und Meerjungfrauen bloss Teil der Märchenwelt oder existieren sie tatsächlich? Dieser Frage geht der dänische Bischof Erik Pontoppidan Mitte des 18. Jahrhunderts in seiner Naturgeschichte Norwegens auf den Grund. Nach für damalige Begriffe modernster rechtswissenschaftlicher Methodik lässt er zwei Zeugen, einen Kapitän und einen Matrosen, getrennt voneinander zur Begegnung mit einer solchen Kreatur befragen. Da beide dieselbe Geschichte erzählen, ist für ihn beinahe zweifelsfrei erwiesen: Meermonster sind Realität.

Aus heutiger Sicht wirkt diese Art der wissenschaftlichen Beweisführung kurios. Doch was bedeutet «wissenschaftlich»? Was gilt als «Wissen»? Wie tritt es zutage? Mit solchen Fragen beschäftigt sich Simone Ochsner, Doktorandin der Skandinavistik am Deutschen Seminar.

Abgeschoben in den Norden

1747 wird Pontoppidan, bis zu diesem Zeitpunkt dänischer Hofpfarrer, nach Bergen versetzt, aus zeitgenössischer Sicht an die Peripherie der Zivilisation. Abgeschoben, wie viele meinen. Hier entsteht jedoch ein wichtiges Werk. Durch seine Visitatsreisen kommt der Geistliche in Berührung mit den alltäglichen Sorgen und dem Aberglauben des Volkes. In seiner 800-seitigen «Naturgeschichte Norwegens» trägt er alles verfügbare Wissen über Land und Leute zusammen. Er liegt damit im europäischen Trend der Zeit. Das Königreich Dänemark-Norwegen strebt nach mehr Unabhängigkeit, das Wissen über vorhandene Ressourcen und deren Nutzung wird deshalb immer wichtiger.

Das gesamte verfügbare Wissen seiner Zeit auf 800 Seiten: Titelblatt zu Erik Pontoppidans «Naturgeschichte Norwegens» (Bild: zVg)

Kein Sachbuch im heutigen Sinne

Bei Pontoppidans Naturgeschichte handelt es sich nicht um ein Sachbuch im heutigen Sinne. «Gemäss Untertitel soll sie ‚dem weisen und allmächtigen Schöpfer zur Ehre’ dienen», erzählt Ochsner. Das Hauptanliegen des Pietisten ist der Beweis der Existenz Gottes anhand der Natur. Die Bibel dient ihm als Beweisgrundlage für Vorgänge in der Natur, die er nicht verstehen kann. Gleichzeitig fliessen aber neuste naturwissenschaftliche Methoden und Erkenntnisse in sein Werk ein, was für ihn keinen Widerspruch zur Beweisführung anhand der Bibel darstellt. «Pontoppidan schreibt nicht nur von seinen Vorgängern ab, sondern hinterfragt bestehendes Wissen, überprüft und erweitert es teilweise durch eigene Experimente und Erfahrungen», ergänzt die Doktorandin.

Wissen unter die Lupe genommen

«Bei meiner literaturwissenschaftlichen Analyse des Buches orientiere ich mich an drei Fragen», beschreibt die Nachwuchswissenschaftlerin ihr Vorgehen. «Was gilt als Wissen? Wie ist dieses Wissen strukturiert? Und wie wird es durch das Medium Buch vermittelt?» Anhand einer Quellenanalyse untersucht sie, aus welchen «Wissenstöpfen» der Autor Material zusammenträgt. Eigene Beobachtungen, Auszüge aus gelehrten Werken und mitunter auch zweifelhafte Geschichten der Leute – ganz unterschiedliche Arten von Wissen finden Eingang ins Buch und werden nebeneinander präsentiert. Das Werk steht auf der Schwelle zwischen einer traditionellen Naturgeschichtsschreibung, die sich auf überlieferte Erklärungen beruft, und einer Beschreibung der Natur, die sich auf Beobachtungen und Erfahrungen abstützt.

Bedeutung von Paratexten

Beim Durchblättern des Buches fällt auf, dass es zahlreiche Paratexte beinhaltet, also Titel, Randbemerkungen, Fussnoten, Tabellen oder Illustrationen. «Ein Walfischskelett auf einem Hügel ausgegraben», steht beispielsweise in einer Marginalie. «Mit diesem Hinweis wird die Aufmerksamkeit des Lesers auf eine Tatsache gelenkt, die Pontoppidans Vorstellung von der Sintflut und damit sein religiöses Weltbild stützt», erklärt Ochsner. Sie untersucht, an welchen Orten welche Arten von Wissen vermittelt werden und wie die verschiedenen Haupt- und Nebendiskurse innerhalb des Werkes zusammenspielen. «Ich möchte Werkzeuge entwickeln, wie man mit der Mehrschichtigkeit solcher Werke umgehen kann», beschreibt Ochsner ihre Zielsetzung.

Walskelette im Einklang mit der Vorstellung der Sintflut. (Bild: zVg)

Übrigens: Pontoppidans Naturgeschichte fand grosse Beachtung im zeitgenössischen Forschungsmilieu, eine deutsche Übersetzung erschien 1753/54, eine englische 1755. Dennoch war das Werk innert Kürze komplett veraltet. 1755 wurde der Autor in die Hauptstadt zurückgerufen und als Prokanzler der Universität Kopenhagen eingesetzt.

Viviane Strebel ist Mitarbeiterin der Abteilung Forschung und Nachwuchsförderung

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