Qualitätsmessung in den Geisteswissenschaften

«Heidegger hätte eine Evaluation kaum überstanden»

Nicht nur in den Naturwissenschaften, auch in den Geisteswissenschaften wird Qualitätsmessung gefordert. Laurenz Lütteken, Architekt eines Bewertungssystems, schildert seine Erfahrungen.

Laurenz Lütteken

In der wissenschaftspolitischen Diskussion gehört der Begriff «Qualitätssicherung» seit etlichen Jahren zum alltäglichen Gebrauch. Die Selbstverständlichkeit des Umgangs täuscht allerdings über die vielen Fragen, die sich mit ihm verbinden, hinweg: Gegen wen oder was sollte denn Qualität «gesichert» werden? Und setzt dies nicht eine Bedrohung voraus? Und wenn ja, durch wen?

Auch wenn diese Fragen kaum eine Rolle spielen, so hat der Begriff doch Folgen gezeitigt. Sie betreffen die Quantifizierung der angeblich bedrohten Qualität, in einer unabsehbaren Flut von Statistiken. Das gilt auch für die Publikationsorgane und insbesondere die wissenschaftlichen Zeitschriften, die nun seit geraumer Zeit fortwährenden Überprüfungen unterzogen werden. In den Geisteswissenschaften ist das Verfahren nicht weniger umstritten als in den Naturwissenschaften, im Gegenteil. Denn dort, wo Erkenntnisgewinn nicht oder jedenfalls nicht primär auf empirischen Datenerhebungen gründet, ist das Quantifizieren besonders schwer.

Das Buch ist das Mass aller Dinge

Die European Science Foundation ist seit einigen Jahren darum bemüht, einen European Reference Index of the Humanities (ERIH) aufzubauen. Dieses Verfahren ist zu begrüssen, denn immerhin kommt der Impuls damit aus den Geisteswissenschaften selbst und wird nicht, wie sonst oft, von aussen an sie herangetragen. Es existieren inzwischen erste (auch publizierte) Listen von Zeitschriften, in denen zunächst, in drei Kategorien, eine fachspezifische Relevanz festgelegt werden sollte.

Das besagt noch nicht notwendig etwas über die Qualität der Veröffentlichungen: Ein Artikel im Mozart-Jahrbuch kann bahnbrechend sein, auch wenn er sich fachlich an den notwendig kleineren Kreis der Mozart-Forschenden wendet. Damit allerdings sind die Schwierigkeiten, die sich hier ergeben, bereits offenkundig. Geisteswissenschaftliche Erkenntnis, in der Regel kein Resultat von Forschergruppen, ist prinzipiell nicht messbar, und ihre Bedeutung muss sich überdies nicht unmittelbar erschliessen. Es gibt verschlungene Rezeptionswege, zudem hängen Quantität und Qualität nicht zwingend miteinander zusammen: Martin Heidegger hat während seiner Marburger Zeit nahezu ausschliesslich an «Sein und Zeit» gearbeitet, eine moderne Evaluation hätte er dort also kaum unbeschadet überstanden.

Sind Normen wünschenswert?

In den Geisteswissenschaften spielt das Buch nach wie vor eine herausragende Rolle. Aufsätze und Bücher stehen oft in einem engeren Verhältnis. In den USA, wo es inzwischen die Tendenz zum dritten Buch als Qualifikationsmerkmal gibt, erscheinen nicht selten, geschuldet einem gnadenlosen (und mittelgebundenen) Publikationszwang, die einzelnen Kapitel zuvor als Aufsätze. Auch dies ist bei der Bewertung von Zeitschriften zu berücksichtigen, lässt sich aber kaum sinnvoll in statistischen Daten quantifizieren. Und wem sollten sie auch nützen? Gerade in den amerikanischen Zeitschriften zeichnet sich eine damit verbundene Tendenz ab. Manche von ihnen arbeiten mit x-fach sich überkreuzenden Begutachtungen.

Das wirkt nach aussen zweifellos beeindruckend, doch die Gutachten differieren inhaltlich und formal viel zu sehr, um daraus Normen ableiten zu können. Es erhebt sich aber die Frage, ob derlei Normen überhaupt wünschenswert sind. Es gibt Fälle von Zeitschriften, in denen die Autoren die Normierung in vorauseilendem Gehorsam an die Schriftleitung selbst vorantreiben – mit dem Ergebnis, dass sich die Texte in Umfang und Struktur immer stärker ähneln.

In europäischen Zeitschriften ist hingegen ein anderes System gewachsen: die Verantwortlichkeit des einen Herausgebers, der sich fallweise Rat bei ausgewählten Gutachtern einholt. Dieser Herausgeber bestimmt damit nicht nur das Profil einer Zeitschrift, er trägt auch die Verantwortung für deren Qualität. In Zeiten immer weiter fortschreitender statistischer «Sicherungsmassnahmen» ist diese Rolle des handelnden, urteilenden Individuums offenbar gar nicht mehr vorgesehen. Gerade der verantwortlich handelnde Editor ist aber ein Beleg dafür, dass sich geisteswissenschaftliche Erkenntnis nicht in normierten Strukturen abbilden lässt.

Vielfalt der Zeitschriften

Geisteswissenschaftliche Forschung hat ganz andere Halbwertszeiten als sozial- oder naturwissenschaftliche. Es kann viele Jahre dauern, bis die wahre Bedeutung (oder auch Irrelevanz) eines Aufsatzes sichtbar wird. Die lange Wirksamkeit hat zum nachdrücklichen Festhalten am gedruckten Medium geführt. Die derzeit weltweit geführte Open-Access-Diskussion geht also an den Bedürfnissen der Geisteswissenschaften vorbei, zumal sie auf befremdliche Weise die Bemühungen um klare Stufungen innerhalb der Publikationsorgane konterkariert.

Der ERIH ist zweifellos nur ein erster Schritt zu einer solchen Ordnung innerhalb der komplizierten Vielfalt der Zeitschriften in den Geisteswissenschaften. Man sollte sich aber bewusst sein, dass eine von so vielen Seiten geforderte systematische Hierarchie weder möglich noch erstrebenswert ist.

Was ist der ERIH? Der European Research Index of the Humanities (ERIH) der European Science Foundation ist der Versuch, geisteswissenschaftliche Zeitschriften zu klassifizieren. Vierzehn Expertenräte, die jeweils vier bis sechs Mitglieder umfassen, entwickeln für ihre Fachbereiche Bewertungssysteme.

Laurenz Lütteken, Ordinarius für Musikwissenschaft an der UZH, ist Vorsitzender der von der European Science Foundation lancierten ERIH-Expertengruppe für die Musikwissenschaft.

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