Kinderpsychiatrie

Die Erfahrung eines langen Lebens

Studie der Studien: Hans-Christoph Steinhausen synthetisierte das aktuelle Wissen.

Simone Buchmann

Studie der Studien: Hans-Christoph Steinhausen synthetisierte das aktuelle Wissen. (Bild: Frank Brüderli)

Bereits seit den Achtzigerjahren hat sich Hans-Christoph Steinhausen mit der Anorexia nervosa befasst und die Langzeitfolgen der Krankheit empirisch in zahlreichen Studien untersucht. «Im neuen Jahrtausend hielt ich die Zeit für gekommen, die Trends aus fünfzig Jahren Forschung zu analysieren», sagt der Emeritus für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Systematisch wertete er alle Übersichtsstudien aus, die weltweit auf Englisch oder auf Deutsch publiziert worden waren. Damit erfasste er fast 6000 Patienten.

Die gute Rezeption seines Artikels führt er neben der Sorgfalt auch auf den grossen Umfang seiner Analyse zurück, denn «die Anzahl der erfassten Patienten kann Repräsentativität beanspruchen». Für Steinhausen – speziell interessiert an den Entwicklungsaspekten von psychiatrischen Krankheiten – waren die Ergebnisse ernüchternd: «Trotz enormer Veränderungen des therapeutischen Angebots hat sich der Verlauf der Krankheit nicht bedeutsam verbessert.» In 50 Prozent der Fälle kommt es zu einer Heilung, bei 30 Prozent zu einer Verbesserung, und 20 Prozent bleiben chronisch krank.

Seine Studie gebe einen wichtigen Denkanstoss: In welche Richtung müssen wir Fortschritte machen, um messbare Ergebnisse zu erzielen? Steinhausen fordert differenziertere Ursachenmodelle. Therapien müssten genauer erfasst und wissenschaftlich begleitet werden. Eine weitere Voraussetzung seien zeitstabile, diagnostische Kriterien für ein Krankheitsbild. Doch auch andere Faktoren spielten eine Rolle: «Ein langes Leben als Untersucher und motivierte Patienten, die gerne an der Forschung teilnehmen.»

Steinhausen HC: The Outcome of Anorexia Nervosa in the 20th Century. In: The American Journal of Psychiatry, Vol. 159, 2002.

Simone Buchmann ist Journalistin

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