Staatsverschuldung

Auf der Suche nach der «optimalen Schuldenquote»

Geht es der Wirtschaft schlecht, greift der Staat in die Taschen und kurbelt so den Motor an. Die Folge: Die Verschuldung steigt – aber nicht in jedem Land gleich. Mit dynamischen Modellen untersucht die Doktorandin Sigrid Röhrs, weshalb das so ist und ob es eine «optimale Schuldenquote» gibt.

Roland Gysin

Sigrid Röhrs, Doktorandin: Verstehen, weshalb die Staatsverschuldung so unterschiedlich ist. (Bild: Roland Gysin)

Wer Schulden macht, muss diese irgendwann begleichen. Das gilt für Staaten wie für Privatpersonen. Sigrid Röhrs ist Assistentin am Institut für Empirische Wirtschaftsforschung (IEW), Lehrstuhl von Professor Fabrizio Zilibotti. In ihrer Dissertation – mitfinanziert durch den Forschungskredit der Universität Zürich – untersucht sie die politisch-ökonomischen Gründe für die Entstehung von Staatsverschuldungen und beschäftigt sich mit der Frage nach der Höhe der «optimalen Verschuldung».

Ein Blick in die Statistik zeigt: Staaten sind unterschiedlich hoch verschuldet. In Italien etwa betrug 2008 die Schuldenquote (Schuldenstand im Verhältnis zum Bruttoinlandprodukt) 103,2 Prozent, in Griechenland 92,4 Prozent, in den USA 65,6 Prozent, in Deutschland 63,1 Prozent, in der Europäischen Union 58,9 Prozent, in der Schweiz 43,7 Prozent (2007) und in Schweden 35,5 Prozent. Weshalb diese grossen Unterschiede?

Ein Modell, das von wechselnden Regierungen ausgeht

Bisherige ökonomische Modelle gingen von «einem sozialen Planer aus, der das Wohl der Bevölkerung maximiert», erklärt Röhrs. Die Idee dahinter: eine Benchmark für die optimale Politik zu erhalten. Die Anwendung einer solchen Theorie auf reale Phänomene wie die Staatsverschuldung impliziert, dass Regierungen stets gut gewillt und um das Wohl ihrer Bevölkerung bemüht sind.

Das ist nicht immer so. Neuere Ansätze verwenden deshalb politisch-ökonomische Modelle, die von wechselnden, demokratisch gewählten Regierungen ausgehen. Der Entscheidungsträger (die Regierung) ist dann primär daran interessiert, die Gunst der Wähler zu erlangen.  

Auch Röhrs verwendet in ihrer Forschung ein dynamisches, politisch-ökonomisches Modell, bei dem die Regierung endogen über Wahlen bestimmt wird. Sie stützt sich dabei auf Vorarbeiten des IEW. Miteinbezogen ist der Lebenszyklus der privaten Haushalte und deren Zukunftserwartungen in Form von Ersparnissen für den Ruhestand.

Schuldenquote vom Wahlverhalten der Jungen abhängig

«Das Neue an meinem Projekt ist», erläutert Röhrs, «dass die Staatsverschuldung sowohl als Finanzierungsinstrument für eine aktuelle Regierung als auch als Investitionsinstrument für die junge Generation gesehen wird.» Dazu muss der Zinssatz im Modell endogen generiert werden.

Die Höhe der Schuldenquote hängt dabei vor allem davon ab, wie die junge Generation zwischen privatem Konsum und öffentlichen Gütern und Dienstleistungen (etwa Schulen, Spitäler, Sozialwerke) abwägt.

Schätzen die jüngeren Leute öffentliche Güter sehr, so werden sie sich über ihr Wahlverhalten für eine geringe Verschuldung einsetzen. Grund: Hohe Schulden bedeuten für die Zukunft hohe Zinsausgaben. Dies führt zu einer Steuererhöhung und zu einer Reduktion der Ausgaben für öffentliche Güter.

Als Beispiel führt Röhrs die relativ geringe Verschuldung skandinavischer Länder an: etwa Schweden mit einer Schuldenquote von 35,4 Prozent – eine Folge davon, dass der Bevölkerung (und der Regierung) öffentliche Güter wichtig waren.

Interessant: Weil linke Regierungen eine hohe Präferenz für öffentliche Güter haben – und der Staat auch in der Zukunft grosszügig liquide sein soll –,  ist die Verschuldung in links regierten Staaten geringer als in langjährig konservativ regierten Ländern.

«Aus meinem Modell lassen sich jedoch keine Empfehlungen für Politiker ableiten, welchen Stellenwert öffentliche Güter haben sollen», erklärt Röhrs. Wichtige Parameter wie Inflation oder die Politik der Zentralbank würden ausgeblendet. «Es geht einfach darum, zu verstehen, weshalb die Staatsverschuldung so unterschiedlich ist.»

Wirtschaftswachstum über zusätzliche Verschuldung

In einem zweiten Teil ihrer Dissertation widmet sich Röhrs zusammen mit dem ebenfalls am IEW tätigen Postdoc Christoph Winter der Frage nach der Höhe «der optimalen Staatsverschuldung in einem Modell mit endogenem Finanzmarkt».

Eine Frage, die in der aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise besonders brisant ist. Regierungen versuchen mit grossen Konjunkturpaketen, die über zusätzliche Verschuldung finanziert werden, die Wirtschaft anzukurbeln.

Gerade in einer solchen Situation sei es besonders wichtig, sich über die Folgen für den Finanzmarkt im Klaren zu sein. «Schliesslich will man den Finanzmarkt nicht noch zusätzlich schwächen.» Wird der Finanzmarkt endogen modelliert, ist es wichtig, die Anreize für Gläubiger mit einzubeziehen. Die staatliche Verschuldung kann in diesem Fall private Schuldner verdrängen. Die Folge: Für private Haushalte und Firmen wird es schwieriger, an Kredite heranzukommen.

Verschuldung und Finanzmarkt neu ausgeleuchtet

Die Frage nach der «optimalen Verschuldungsquote» ist nicht neu. Sie beschäftigt die Wirtschaftswissenschaftler schon lange. Frühere Beiträge gehen in der Regel davon aus, dass sich die Staatsverschuldung auf den Finanzmarkt positiv auswirkt, da sie zusätzliche Liquidität bedeutet.

Röhrs und Winter hingegen beziehen neu auch negative Effekte mit ein. Etwa die steuerliche Belastung durch zusätzliche Zinsaufwendungen oder den oben genannten Verdrängungseffekt auf private Schuldner.

Kein Modell – und sei es noch so differenziert – bildet die Realität eins zu eins ab. Die Überlegungen von Röhrs und Winter führen aber immerhin dazu, das Zusammenspiel von Staatsverschuldung und Finanzmarkt neu auszuleuchten.

Wie hoch dann die jeweilige Verschuldungsquote ist, hängt von den spezifischen Modell-Parametern ab. Mit Blick auf die Europäische Union, die «von einer maximalen Schuldenquote von 60 Prozent ausgeht», spricht Röhrs von einer «durchaus nachvollziehbaren» Vorgabe. Um die Plausibilität dieses und anderer Werte noch besser abschätzen zu können, möchten Röhrs und Winter weitere Parameter in ihr Modell einbauen und dann am Computer berechnen.

Wenn alles klappt, hofft Röhrs, das Projekt Anfang 2010 abschliessen zu können und dann, wenn immer möglich, weiter in der theoretischen Forschung zu arbeiten.

Forschungskredit Mit Beiträgen aus dem Forschungskreditfördert die Universität Zürich Nachwuchskräfte durch die Finanzierung eines Forschungsprojekts von hervorragender wissenschaftlicher Qualität. Gefördert werden Angehörige der Universität Zürich, die am Anfang ihrer akademischen Karriere stehen und ein Dissertations-, Postdoc- oder Habilitationsprojekt an der Universität durchführen möchten. Der Forschungskredit unterstützt die Forschungsprojekte namentlich mit Salärbeiträgen. Zusätzlich beantragt werden können Beiträge an Sachmittel, die für die Durchführung des Projekts notwendig sind.

Roland Gysin ist Leiter Publishing UZH.

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