Forschungskredit der UZH

Mit moderner Logik die Welt verbessern

Adrian Frey zeigt in seiner Dissertation, dass die Philosophie des so genannten Wiener Kreises – einer Gruppe von Philosophen und Wissenschaftstheoretikern – nur im kulturhistorischen Kontext zu verstehen ist.

Natalie Pieper

Adrian Frey untersucht in seiner Dissertation die Schriften von Rudolf Carnap, dem wichtigsten Vertreter des Logischen Empirismus. Dessen populärsten Texte seien als Teil einer politisch motivierten Propaganda zu interpretieren, so das Fazit von Adrian Frey. (Bild: Natalie Pieper)

Der Wiener Kreis war eine Gruppe von Naturwissenschaftlern, Mathematikern und Philosophen, die in den 1920er und 30er-Jahren die Philosophie auf einem völlig neuen Prinzip aufbauen wollte: auf der Idee, dass sich all unser Wissen über die Welt mit den Mitteln der modernen Logik auf unmittelbare Sinneserfahrung zurückführen lässt.

«In meiner Doktorarbeit untersuche ich die Bedeutung der modernen Logik für die Entwicklung der Philosophie des Wiener Kreises», erklärt Adrian Frey, der an der Universität Zürich Philosophie und Mathematik studiert hat.

Sinneserfahrung als Erkenntnisgrundlage

Die Mitglieder des Wiener Kreises haben ihre Ideen nicht ohne bereits bestehende wissenschaftliche Grundlagen erarbeitet. Ihr Prinzip der Rückführbarkeit wird in der Philosophiegeschichte gemeinhin als eine philosophische Weiterentwicklung dessen gesehen, was Empiristen im 18. Jahrhundert versucht haben.

Gemäss diesem Geschichtsbild unterscheidet sich die Position des Wiener Kreises vom klassischen Empirismus einzig darin, dass er sich der Begriffe und Methoden der modernen Logik bedient. Mithin also genau der Logik, die von Bertrand Russell und A. N. Whitehead in den «Principia Mathematica», dem Standardwerk der modernen Logik schlechthin, zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelt wurde.

Vor diesem Hintergrund wird die Bezeichnung «Logischer Empirismus» für die vom Wiener Kreis entwickelte philosophische Richtung besser verständlich: Empiristisch ist die Position im Hinblick darauf, dass die Sinneserfahrung alleinige Erkenntnisgrundlage sein soll; die Bezeichnung «logisch» verweist auf die grundlegende Bedeutung der von Russell und Whitehead entwickelten Logik für die angestrebte Konstruktion unseres Wissens auf dieser Grundlage.

Politische und soziale Prozesse bewusst angehen

Adrian Frey konnte in seiner Dissertation nachweisen, dass das eben geschilderte Bild des Wiener Kreises falsch oder zumindest verkürzt ist. «Der Wiener Kreis wurde bis anhin zu wenig in seinem historischen Kontext betrachtet. Seine Philosophie kann nicht losgelöst von einer spezifisch politischen Stossrichtung verstanden werden», erklärt er.

Der Wiener Kreis verfolgte radikal aufklärerische Ziele: Er wollte die Gesellschaft motivieren, politische und kulturelle Prozesse nicht einfach als gegeben hinzunehmen, sondern diese Prozesse bewusst zu gestalten. Beispielsweise sollte Erziehung nicht aufgrund übernommener Konventionen, sondern auf der Grundlage von aufklärerischen Wertvorstellungen rational konzipiert werden.

Carnaps philosophische Schriften wie die «Logische Syntax der Sprache» ähneln oft einer mathematischen Formelsammlung. (Bild: Natalie Pieper)

Diese bewusste Gestaltung des Lebens konnte nach Meinung der Anhänger des Logischen Empirismus nur gelingen, wenn sie auf der Grundlage von gesicherter wissenschaftlicher Erkenntnis erfolgte. Dafür wiederum mussten aber zuerst einmal die Grundlagen dieses Wissens ermittelt werden.

Keine Wissenschaft um der Wissenschaft willen

«In diesem Zusammenhang muss man die Rückführung der Erkenntnis auf Sinneserfahrung verstehen, die von den Logischen Empiristen gefordert wurde», so Adrian Frey. Die Philosophie des Wiener Kreises sollte als «Grundlagenforschung» für gesellschaftliche Veränderungen fungieren, die den eigentlichen Fokus des akademischen Strebens bildete.

Im Gegensatz zur verbreiteten Meinung ging es den Wiener Denkern also nicht um die Entwicklung einer Wissenschaftstheorie um der Wissenschaftstheorie willen. Wissenschaftstheorie war vielmehr Mittel zum Zweck und die moderne Logik letztlich ein Hilfsmittel für die Gestaltung der politischen Realität.

Polemische Attacken

Adrian Frey hat sich schon in seiner Lizenziatsarbeit mit Rudolf Carnap, dem wichtigsten Vertreter des Logischen Empirismus auseinandergesetzt. In seiner philosophiegeschichtlichen Dissertation, die vom Forschungskredit der Universität Zürich unterstützt wird, führt er diese Arbeit weiter. Er zeigt, dass Carnaps populärste Texte nicht dessen tatsächliche philosophische Position abbilden, sondern als Teil einer politisch motivierten Propaganda zu interpretieren sind.

Carnaps vielleicht bekanntester Aufsatz «Überwindung der Metaphysik durch logische Analyse der Sprache» sei eine Polemik gegen Heidegger, dessen Philosophie und politische Einstellung Carnap als blanken Unsinn darstellte, meint Adrian Frey. «Über Carnaps eigentliches philosophisches Denken gibt der Aufsatz aber kaum Aufschluss.»

«Gute Tat» gegen «verjudete Wissenschaft»

Diese und andere Schriften von Carnap seien nur verständlich, wenn man sie als Versuche lese, die Ideale der Aufklärung gegen einen um 1930 in Österreich dominierenden Katholizismus und gegen den aufkommenden Nationalsozialismus zu verteidigen.

Das politische Klima, mit dem sich der Wiener Kreis konfrontiert sah, wird nicht zuletzt durch den tragischen Tod von Moritz Schlick deutlich, dem Gründer des Wiener Kreises. Seine Ermordung durch einen Studenten auf der Treppe der Universität Wien wurde damals in Zeitungen als «gute Tat» gegen eine «verjudete Wissenschaft» bezeichnet.

Natalie Pieper ist Öffentlichkeitsbeauftragte der Theologischen Fakultät.

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