Linguistik

«Sie dörfen nun absitzen»

Je nach Situation entscheiden sich Deutschschweizer beim Sprechen für Hochdeutsch, Dialekt - oder gar eine Mischung davon. Reflektiert wird diese Wahl aber kaum. Susanne Oberholzer untersucht in ihrer Dissertation den Sprachgebrauch von Pfarrpersonen und Hochschuldozierenden.

Viviane Strebel1 Kommentar

Susanne Oberholzer: untersucht in ihrer Dissertation den Sprachgebrauch in Hörsaal und Kirche. (Bild: Viviane Strebel)

Im Alltag sprechen Deutschschweizerinnen und Deutschschweizer untereinander fast ausschliesslich Dialekt. Aber es gibt bestimmte Bereiche der mündlichen Kommunikation, in welchen das Hochdeutsch, die standardisierte Hochsprache, einen festen Platz einnimmt.

So lernen beispielsweise die Kinder im Schulunterricht nicht nur Hochdeutsch zu schreiben, sondern sie üben auch, sich mündlich auf Hochdeutsch auszudrücken. Doch selbst in einem Klassenzimmer ist im Laufe eines Schulmorgens der eine oder andere Satz in Dialekt zu hören.

Aus welchen Gründen entscheiden sich die Sprecher und Sprecherinnen in einer bestimmten Situation für die eine oder die andere Sprachform? Und unter welchen Umständen wechseln sie die Form? Mit solchen Fragen beschäftigt sich schon seit längerem die Varietätenlinguistik, ein Forschungsbereich innerhalb der Sprachwissenschaft.

Unterwegs in Kirche und Hörsaal

Während der Sprachgebrauch in der Volksschule, in der Politik sowie den Medien bereits verschiedentlich untersucht wurde, stellen die Bereiche der Universität und der Kirche Forschungslücken dar. Susanne Oberholzer, Doktorandin am Deutschen Seminar der Universität Zürich, nimmt in ihrer Dissertation die Sprache von Hochschuldozierenden und Pfarrpersonen genauer unter die Lupe.

Ausgerüstet mit Aufnahmegerät und Mikrofon ist die Nachwuchsforscherin unter der Woche in unterschiedlichen Veranstaltungen an Deutschschweizer Hochschulen und sonntags in reformierten und katholischen Gottesdiensten anzutreffen. Systematisch will sie analysieren, in welchen Situationen die Sprachform gewechselt wird und ob sich dabei Regelmässigkeiten beobachten lassen. «Bei den erhobenen Daten wird es sich um eine Momentaufnahme handeln, anhand derer sich gewisse Tendenzen aufzeigen lassen», so Oberholzer.

Das Aufnahmegerät soll klären helfen: In welchen Situationen wechseln Pfarrerinnen und Pfarrer zwischen Hochdeutsch und Schweizerdeutsch? (Bild: Susanne Oberholzer)

Vermischte Sprachformen

Die Doktorandin untersucht die Sprachsituationen in Universität und Kirche separat. Aber es sind durchaus Synergien zu erwarten, handelt es sich doch beispielsweise bei einer Vorlesung an der Universität als auch bei einem Gottesdienst um eine Form von öffentlicher Rede, die teilweise stark auf schriftliche Vorlagen aufbaut.

Inwiefern bestehende Vorbereitungsunterlagen, wie beispielsweise eine Bibelübertragung in Dialekt, die Wahl der Sprachform beeinflussen, will Oberholzer denn auch vertieft untersuchen.

Teilweise gibt es Vorschriften, die den Sprachgebrauch in den untersuchten Kommunikationssituationen regeln. In der Praxis weichen die Sprecherinnen und Sprecher aber häufig davon ab. «Die Gottesdienste, in denen nur eine Sprachform gebraucht wird, gibt es praktisch nicht», hat Oberholzer bei ihren Recherchen festgestellt. In einem Dialekt-Gottesdienst werden beispielsweise hochdeutsche Lieder gesungen, oder es werden unbewusst Sprachformen vermischt. So forderte eine Pfarrperson die Gottesdienstbesucher etwa auf: «Sie dörfen nun absitzen.»

Gefühl der Unterlegenheit

Bei der Entscheidung für Dialekt oder Standardsprache spielen aber nicht nur äussere Faktoren wie bestehende Vorlagen oder Vorschriften eine Rolle. Die Wahl einer bestimmten Varietät kann auch durch die Einstellung des Sprechers oder der Sprecherin zu dieser Sprachform beeinflusst sein. Deshalb untersucht Oberholzer in ihrer Dissertation mittels Fragebogen und Interview auch die persönlichen Spracheinstellungen der beobachteten Personen.

Neuere Untersuchungen haben gezeigt, dass viele Deutschschweizer sich in Bezug auf ihr Standarddeutsch den Deutschen unterlegen fühlen. Nicht selten wird Hochdeutsch sogar als eigentliche Fremdsprache empfunden.

Vom Korsett befreit

«In diesem Zusammenhang ist das Plurizitätskonzept sehr wichtig, welches in der Forschung seit einigen Jahren diskutiert wird», ist Oberholzer überzeugt. Dieses Konzept geht davon aus, dass es nicht ein «richtiges» (sprich: deutsches) Hochdeutsch gibt, sondern verschiedene gleichberechtigte Varietäten der deutschen Sprache, also neben einem deutschen auch ein österreichisches und ein schweizerisches Standarddeutsch.

«Seit ich diesen Ansatz kenne, spreche ich viel entspannter, so zu sagen ohne Korsett, und auch mit mehr Selbstbewusstsein Hochdeutsch», erzählt Oberholzer. Gerade weil die Thematik der beiden Sprachvarietäten jeden Deutschschweizer und jede Deutschschweizerin persönlich betrifft, ist die Doktorandin von der Dialekt-Standard-Forschung so fasziniert.

Forschungskredit Mit Beiträgen aus dem Forschungskreditfördert die Universität Zürich Nachwuchskräfte durch die Finanzierung eines Forschungsprojekts von hervorragender wissenschaftlicher Qualität. Gefördert werden Angehörige der Universität Zürich, die am Anfang ihrer akademischen Karriere stehen und ein Dissertations-, Postdoc- oder Habilitationsprojekt an der Universität durchführen möchten. Der Forschungskredit unterstützt die Forschungsprojekte namentlich mit Salärbeiträgen. Zusätzlich beantragt werden können Beiträge an Sachmittel, die für die Durchführung des Projekts notwendig sind.

Viviane
Strebel ist Mitarbeiterin der Abteilung Forschung und Nachwuchsförderung.

1 Leserkommentar

Johanna Ziberi schrieb am Anregung zur Diss von Susanne Oberholzer In unserer Forschungsarbeit //Werlen/Buri/Matter/Ziberi (2002): Dialektloyalität und Dialektakkommodation bei Sprechern des Walliserdeutschen in Bern// haben wir ähnliche Fragestellungen betrachtet. Z.B. die Faktoren, welche für den Vermischungsgrad der Dialekte verantwortlich sein könnten. Ich kann mir vorstellen, dass unsere Resultate für Frau Oberholzer von Bedeutung sein könnten! Mit einem herzlichen Gruss aus der "Metaebene", Johanna Ziberi

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