Der Körper im Spiegel des Rechts

Wo fängt der Körper an, und wo endet er?

Die promovierte Philosophin und Juristin Birgit Christensen untersucht in ihrem Habilitationsprojekt, wie unterschiedlich das Recht den Körper des Menschen im Laufe der Geschichte begriffen hat und wie sich das auswirkte.

Barbara Fritschi

Darf man medizinische Rohstoffe aus den Körpern von Hingerichteten gewinnen? In der frühen Neuzeit war dies gängig. Der grosse Fleischkarren (Schinderkarren), auf dem die nackten Leichen Hingerichteter, auch erschlagener Soldaten weggebracht wurden. (Bild: Bilddatenbank Abteilung Rechtsvisualisierung, Zentrum für rechtsgeschichtliche Forschung, Universität Zürich, Bildnummer 4804)

Ist die Todesstrafe gesundheitsfördernd? Sie finden das eine absurde Frage? Die Geschichte lehrt uns anderes. In der frühen Neuzeit zum Beispiel gewann man aus den Körpern von Hingerichteten Medizinalprodukte. So schauerlich diese Geschichte klingen mag, für Birgit Christensen ist es eines der weniger heiklen Beispiele, das einfach illustriert, wie der menschliche Körper immer wieder instrumentalisiert wurde.

Körperteile als Ware

Im obigen Beispiel geht es wenigstens nur um tote Körper. Was aber, wenn die Gefahr besteht, dass ein lebender Mensch instrumentalisiert wird? Dem grundrechtlichen Schutz von körperlicher Integrität und Würde des Menschen zum Trotz konstatiert Christensen auch in der heutigen westlichen Welt entsprechende Tendenzen. Neue technologische Möglichkeiten schaffen neue Bedürfnisse. «Bei der Transplantationsmedizin kann man sagen: eine Niere ist ein Objekt, eine Lunge ist ein Objekt, ein Herz ist ein Objekt – damit können sie auch zur Ware werden», sagt Christensen mit Blick auf den Schwarzhandel mit Organen.

Birgit Christensen sucht die Wendepukte, an denen sich der Umgang des Rechts mit dem menschlichen Körper änderte. (Bild: zVg)

Und auch in der Leihmutterschaft, bei der ein Frauenkörper eingesetzt wird, um ein fremdes Kind auszutragen, sieht sie die Gefahr einer Instrumentalisierung. Immer wieder ist das Recht daher gefordert, sich mit dem menschlichen Körper auseinanderzusetzen und regulierend einzugreifen. Zentral dabei ist, dass der Gesetzgeber vorsichtig vorgeht, wenn er solche Regeln schafft.

Gesetze, die Eingriffe in den Körper provozieren

Die Geschichte zeigt auch Fälle, in denen gesetzliche Regelungen indirekt sogar physische Eingriffe in menschliche Körper provozierten, so beispielsweise bei Intersexuellen. Die heute geltenden gesetzlichen Regeln über den Personenstand bestimmen, dass ein Mensch bereits drei Tage nach seiner Geburt dem Zivilstandsamt gemeldet werden muss – und zwar als Mädchen oder Knabe. «Dadurch bekam man den Eindruck, es gebe nur Mädchen und Knaben bzw. Frauen und Männer», sagt Birgit Christensen. Und was nicht passte, wurde passend gemacht – Intersexuelle wurden zwangsweise auf ein Geschlecht hin operiert.

Zwar gab es dafür streng genommen keine gesetzliche Grundlage. Diese Zwangsoperationen verstossen gegen die Menschenrechte. Aber das Recht hatte mit seiner klaren Begrenzung auf die Möglichkeiten «Mann/Frau» mittelbar festgelegt, wie ein «normaler» Körper auszusehen hat. Und die Medizin hat es möglich zu machen, Kindern ein Leben ausserhalb dieser rechtlich geschaffenen Normalität zu ersparen.

Der tote Körper als Instrument des Gottesurteils: Hans Spiess wird 1503 durch die Bahrprobe des Mordes an seiner Ehefrau überführt. (Bild: Bilddatenbank der Abteilung Rechtsvisualisierung, Zentrum für rechtsgeschichtliche Forschung, Universität Zürich, Bildnummer 4231)

Wechselwirkung von Recht und Gesellschaft

Ältere Rechtsordnungen hatten dagegen noch eine viel liberalere Haltung zur Frage der Intersexualität. Im legendären Allgemeinen Preussischen Landrecht von 1794 fand sich beispielsweise eine Norm, die es Intersexuellen ermöglichte, nach vollendetem 18. Lebensjahr selbst zu entscheiden, welchem Geschlecht sie zugehören wollten – eine Freiheit, die heute angesichts des geltenden Personenstandsrechts undenkbar ist. Warum diese Freiheit abhanden kam, ist eine der Fragen, die Birgit Christensen untersuchen möchte.

Ihr geht es in ihrem Projekt darum, Wendepunkte zu untersuchen, an denen sich im Recht etwas in der Wahrnehmung des menschlichen Körpers und im Umgang mit ihm änderte. Dabei interessiert es sie auch, inwiefern es Zusammenhänge mit Entwicklungen in Gesellschaft, Literatur und Wissenschaft gibt, da sie von einer Wechselwirkung von Recht und Gesellschaft ausgeht.

Breit angelegte Untersuchung

Sie hat sich für ihre Untersuchung ein grosses Feld vorgenommen: Von der Antike bis zur Gegenwart, vom Strafrecht mit seiner Geschichte der Körperstrafen bis hin zu zivilrechtlichen Grundfragen des Personenrechts – der Körper des Menschen ist im Recht omnipräsent. Das zeigt sich insbesondere auch in den gegenwärtigen Gesetzgebungsprojekten im Bereich der Biomedizin.

Körperliche Bestrafung im 18. Jahrhundert: Auspeitschung lediger Mütter, 1782. Radierung von Daniel Chodowiecki. (Bild: aus Richard van Dülmen, Theater des Schreckens)

Die Beschäftigung mit dem Körper des Menschen führt aber – so Christensen – immer zu einer zentralen Kernfrage: Worin besteht das Wesen des Menschen? Dazu gehört einerseits die Leib-Seele-Thematik, andererseits aber auch die für das Recht sehr wichtige Debatte: Wo fängt der Mensch an, wo endet er? Das war und ist keineswegs klar und wurde in der Geschichte sehr unterschiedlich beantwortet.

Ab wann ist der Mensch ein Mensch?

Die Antwort auf diese Frage hat wichtige rechtliche Konsequenzen, beispielsweise für die Frage, bis zu welchem Zeitpunkt eine Abtreibung zulässig ist. Befremdend erscheint aus heutiger Perspektive etwa die von der Antike bis ins frühe Mittelalter geltende Auffassung, wonach ein Knabe 40 Tage, ein Mädchen aber erst 80 Tage nach der Zeugung ein Mensch zu sein beginne. An diesem Beispiel zeigt sich für Birgit Christensen nicht nur die unterschiedliche Wertung der Geschlechter in einer bestimmten Zeit, sondern auch, dass Anfang und Ende des Menschen immer willkürlich festgesetzt wurden. Sie findet: «Das lässt sich kaum ändern, doch sollte durch diese Einsicht mindestens das Bewusstsein dafür geweckt werden, dass nahezu mit jeder Regelung entsprechende Konsequenzen verbunden sein können.»

Barbara Fritschi ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Rechtsgeschichte, juristische Zeitgeschichte und Rechtsphilosophie.

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