Fantasy-Serien

Harry Potter & Co. als religiöses Laboratorium

Fantasy-Romane machen das Unsagbare fassbar. In seiner Dissertation kommt der Theologe Mike Gray zum Schluss, dass solche Geschichten in einer religiös fragmentierten Gesellschaft zeigen, dass «uns letztlich dieselben Fragen umtreiben, auch wenn wir sie ganz unterschiedlich beantworten».

Natalie Pieper

«Fantasy Fiction-Romane sind eine Art religiöse Laboratorien», sagt der Theologe Mike Gray. Der Amerikaner untersucht in seiner Dissertation, wie drei ganz unterschiedliche Fantasy-Serien religiöse Identität aufbauen.

Mike Gray, Theologe und Fantasy-Experte: «Fantasy-Geschichten erschaffen alternative Welten.» (Bild: Natalie Pieper)

Mit Fantasy-Romanen aufgewachsen

Mike Gray war schon als Kind ein Fantasy-Liebhaber. Bereits mit vier Jahren liess er sich von seiner Mutter C. S. Lewis’ «Chroniken von Narnia» vorlesen. Diese Bücher waren später einer der Gründe, weshalb er begann, Theologie zu studieren.

Heute untersucht Gray in seiner vom Forschungskredit der Universität Zürich geförderten Arbeit die Fantasy-Serien «Left Behind», «His Dark Materials» und «Harry Potter». Alle drei Serien entstanden in den letzten zehn Jahren.

Satanistin und Sonntagsschülerin

In «Left Behind», einem amerikanischen Kassenschlager, herrscht Endzeitstimmung. Die Autoren Tim Lahaye und Jerry Jenkins, die sich selbst als christliche Hardliner bezeichnen, erzählen von den chaotischen, letzten Tagen der Welt, wenn die Gläubigen von den Ungläubigen geschieden werden.

«His Dark Materials» des britischen Atheisten Philip Pullman feiert die Tötung Gottes als Höhepunkt der Geschichte. Eines seiner weiteren Bücher dürfte Kinogängern unter dem Titel «Der Goldene Kompass» bekannt sein.

Der Welterfolg «Harry Potter» schliesslich handelt von Zauberern und Magiern. Die Autorin J. K. Rowlings wird von Kritikern als Satanistin verschrieen, andere lesen ihre Bücher in der Sonntagsschule.

Unverständliches verständlich machen

Die drei Geschichten haben völlig unterschiedliche Plots. Dennoch beschäftigen sie sich mit ähnlichen Grundfragen: «Alle drei Fantasy-Serien setzen sich mit Transzendenz – dem Unsagbaren, jenseits der Welt und des Menschen – auseinander», sagt Gray. «Sie erschaffen alternative Welten und wollen dadurch das Unverständliche verständlich machen.»

Gray geht in seiner Arbeit vom Religionsbegriff Niklas Luhmanns aus. Gemäss Luhmann entsteht Religion dort, wo man versucht das Unsagbare zur Sprache zu bringen. «Und genau das geschieht in Fantasy Fiction-Romanen. Sie versuchen, Transzendenz verständlich zu machen.»

Gott eliminieren

In «Left Behind» stellt sich die Frage, weshalb am Ende der Tage auf der Erde das Chaos ausbricht. Weshalb tut ein guter Gott Böses?

Illustration aus «Left Behind»: Endzeitstimmung. (Bild: PD)

«His Dark Materials» hingegen sieht Gott selbst als Bösewicht, den es zu eliminieren gilt. Die Menschen sollen selbständig zur Reife finden, um in eine echte Verbindung mit dem Universum treten zu können.

Harry Potter sieht sich mit dem Unergründlichen in Form von Zauberei konfrontiert, was jedoch eher Probleme schafft, als Rettung verheisst. Letztlich führt nicht Magie, sondern die Liebe zur Erlösung.

Dieselben Grundfragen

In allen drei Geschichten ist der Ausgangspunkt etwas Unfassbares, Bedrohliches, das im Laufe der Geschichten fassbar gemacht wird und so Lebensorientierung und authentische Identität liefern soll.

«Die Romane haben ähnliche Anliegen. Ihre Grundfragen sind dieselben», bilanziert Gray. «Sie werden zwar anders angepackt, stossen aber wiederum an ähnliche Grenzen beim Versuch, das Unsagbare in die Sprache hereinzubringen. In der heutigen religiös fragmentierten Gesellschaft könnte es ein Gewinn sein, zu erkennen, dass uns letztlich dieselben Fragen umtreiben, auch wenn wir sie ganz unterschiedlich beantworten.»

Forschungskredit

Mit Beiträgen aus dem Forschungskreditfördert die Universität Zürich Nachwuchskräfte durch die Finanzierung eines Forschungsprojekts von hervorragender wissenschaftlicher Qualität. Gefördert werden Angehörige der Universität Zürich, die am Anfang ihrer akademischen Karriere stehen und ein Dissertations-, Postdoc- oder Habilitationsprojekt an der Universität durchführen möchten. Der Forschungskredit unterstützt die Forschungsprojekte namentlich mit Salärbeiträgen. Zusätzlich beantragt werden können Beiträge an Sachmittel, die für die Durchführung des Projekts notwendig sind.

Natalie Pieper ist Beauftragte für Oeffentlichkeitsarbeit der Theologischen Fakultät der Universität Zürich.

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