Diskurs über Terrorismus

Diametral zur Realität

Der Historiker Adrian Hänni untersucht, wie in den USA über Terrorismus diskutiert wird und wie dieser Diskurs die Politik beeinflusst. Dabei stellt er eine erstaunliche Kontinuität fest: Der Begriff und die Rede über den «Krieg gegen den Terror» haben ihre Vorbilder im 19. Jahrhundert.

Roland Gysin

Der Historiker Adrian Hänni nahm sich einen ganzen Tag lang Zeit, das Zitat zu überprüfen. Und es stimmt: «The War on Terrorism: European Measures for its Extermination» ist nicht der aktuelle Aufmacher auf CNN oder der «Washington Post». Die Headline hat fast 130 Jahre auf dem Buckel. Sie stand auf der Titelseite der «New York Times» vom 2. April 1881. Im Artikel wird erklärt, wie verschiedene Regierungen in Europa gegen anarchistische Gruppierungen vorgehen.

Keine Bush-Erfindung

Adrian Hänni schreibt, unterstützt vom Forschungskredit der Universität Zürich, an einer Dissertation zum Thema «Global Terror Networks: die Konstruktion der terroristischen Bedrohung in den USA». Der Historiker möchte zeigen, dass die Idee, ein geheimes, globales Terrornetzwerk bedrohe die USA, keine Erfindung der Regierung Bush nach 9/11 ist. Diese Grundvorstellung hat vielmehr eine lange Tradition. Dazu hat Hänni zwei historische Perioden angeschaut: Die Zeit nach dem sogenannten Haymarket-Massaker 1886 und die 1980er Jahre, als Ronald Reagan das Amt des US-Präsidenten bekleidete.

«The War on Terrorism Medal» (Mitte zweite Reihe) an der Brust eines US Coast Guard Company Commander. (Bild: istockphoto)

Hänni interessiert sich weniger für die Ereignisgeschichte, sondern dafür, wie der Diskurs über Ereignisse geführt wird und welche Akteure mit welchen Zielen die Leitplanken setzen. Methodisch orientiert er sich an der historischen Diskursanalyse Foucault’schen Typs. Diskurse erscheinen dabei zunächst als «Ausschlussmaschinen». Gerade die Ausschliessung sei eines der wichtigsten Mittel, mit denen Diskurse produziert werden, zitiert Hänni die englische Linguistikprofessorin Sara Mills.

Konkret bedeutet dies, sich zu fragen, «welche eng begrenzten Phänomene aus dem riesigen Feld überindividueller, nicht staatlicher politischer Gewalt in den USA in den spezifischen Zeiträumen in den ‹Terrorismusdiskurs› Eingang gefunden haben und welche nicht». Als Quellenkorpus dienen Hänni Zeitungen, Zeitschriften, Bücher, aber auch Reden von Spitzenpolitikern und Protokolle von US-Kongress-Hearings sowie Romane und Hollywood-Streifen. Dazu kommen Gespräche mit ehemaligen Geheimdienstmitarbeitern.

Realitätsfremd

Hänni: «Ich möchte herausfinden, wie Wissen über Terrorismus entsteht. Welche politischen und gesellschaftlichen Kräfte bei der Konstitution entscheidend sind und schliesslich, wie dieses Wissen den politischen Prozess beeinflusst.» Das Streben, den Terrorismusdiskurs zu beherrschen, entspreche dabei einer in der Öffentlichkeit kaum beachteten Machtstrategie.

«Bereits im Anschluss an das Haymarket-Massaker vom 4. Mai 1886 erlebten die USA ihren ersten kollektiven ‹Terrorist Scare›», sagt Hänni. An diesem Tag gingen in Chicago gewerkschaftlich organisierte Arbeiter auf die Strasse, um eine Reduktion der Arbeitszeit von täglich zwölf auf acht Stunden zu erreichen. Die Versammlung endete blutig, als ein Unbekannter eine Bombe in einen Polizeikordon warf. Zwölf Arbeiter und sechs Polizisten starben.

Für Presse, Politiker und die quasi als Bundespolizei agierende private Sicherheitsfirma «Pinkerton National Detective Agency» war schnell klar: Hier waren internationale, zentral gelenkte anarchistische Terrorzellen am Werk, welche die USA bedrohen. Eine Idee, sagt Hänni, die «diametral im Gegensatz zur Realität stand». Denn zwischen den Gewalttaten anarchistischer Gruppen in den USA und in Europa bestanden keinerlei Verbindungen.

Erstaunlich deckungsgleich

Gut hundert Jahre später, im April 1984, griff der damalige US-Präsident Ronald Reagan (Präsident von 1981 bis 1989) die Formel des «War on Terrorism» in einer Gesetzesvorlage wieder auf. Gemeint war nun der Kommunismus in der Gestalt der Sowjetunion, eingebettet in «das Narrativ des Kalten Krieges». Kurz darauf war jedoch mit Glasnost und Perestroika Tauwetter zwischen Ost und West angesagt.

Adrian Hänni, Historiker: Herausfinden, wie in den USA Wissen über Terrorismus entsteht. (Bild: Roland Gysin)

Nach und nach betrat deshalb ein neuer Akteur die Szene: Der islamistische Terror. Diskurstheoretisch gesprochen: Vereinzelt bereits im Nachgang des Zusammenbruchs der Sowjeunion 1990/91, besonders aber nach 9/11, «verdichteten sich» unter der Regierung von George W. Bush (2001 bis 2009) verstreut agierende, islamistische Gewaltgruppierungen unter dem Label Al-Kaida zu einem weltweit operierenden, zentral gelenkten Terrornetzwerk. «Es ist erstaunlich», stellt Hänni fest, «wie deckungsgleich die ‹Krieg gegen den Terror›-Rhetoriken der Reagan- und der Bush-Ära sind.»

Islamistischer Terror ist eine Realität, kein Zweifel. Dennoch stellt sich die Frage, weshalb gerade er in den Mittelpunkt des Interesses gerückt wurde und nicht etwa Bombenanschläge durch rechtsextremer Gruppen und Personen, rassistisch motivierte Gewalttaten durch den Ku-Klux-Clan oder Anthrax-Anschläge christlicher Fundamentalisten gegen Abtreibungskliniken.

Verschwörungstheorien en vogue

Die US-Regierung unter Präsident Obama hat sich im März 2009 von den ideologischen Schlagworten der Bush-Ära offiziell verabschiedet. Der Begriff «War on Terrorism» durfte ab sofort nicht mehr gebraucht werden. Die Sprache als Druckmittel, um andere Nationen hinter sich zu scharen, hatte ausgedient. Diplomatie hiess das neue Zauberwort. Jedoch nicht für die Central Intelligence Agency (CIA). Der amerikanische Auslandsnachrichtendienst spricht auf seiner Website weiterhin von einem prioritären Ziel, diesen Krieg zu gewinnen.

Genauso wie die Tea Party, die immer wieder neue Verschwörungstheorien in Umlauf bringt über Kräfte, welche die USA zerstören wollen. Für Sal Russo, einer der Chefstrategen der rechten Protestbewegung, war nach dem Attentat Anfang Januar 2011 auf die US-Kongress-Abgeordnete Gabrielle Giffords klar, dass der Todesschütze Teil eines weltumspannenden Netzwerkes des Bösen sein müsse. Auf dem amerikanischen Fernsehsender «Fox News» brachte er gemäss einer Einspielung im Nachrichtenmagazin «10vor10» des Schweizer Fernsehens das Weltbild des Attentäters auf den Punkt: «Er ist ein linksradikaler Anarchist. Er hat das ‹Kommunistische Manifest› und ‹Mein Kampf› gelesen, und er ist vermutlich antisemitisch.»

Forschungskredit

Mit Beiträgen aus dem Forschungskreditfördert die Universität Zürich Nachwuchskräfte durch die Finanzierung eines Forschungsprojekts von hervorragender wissenschaftlicher Qualität. Gefördert werden Angehörige der Universität Zürich, die am Anfang ihrer akademischen Karriere stehen und ein Dissertations-, Postdoc- oder Habilitationsprojekt an der Universität durchführen möchten. Der Forschungskredit unterstützt die Forschungsprojekte namentlich mit Salärbeiträgen. Zusätzlich beantragt werden können Beiträge an Sachmittel, die für die Durchführung des Projekts notwendig sind.

Roland Gysin ist Leiter Publishing UZH.

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