SNF-Förderungsprofessuren: Jeronim Perovic, Historiker

Öl und Gas als Herrschaftsinstrument

Der Schweizerische Nationalfonds hat sieben neue Förderungsprofessuren an die Universität Zürich vergeben. UZH News stellt in loser Folge die neuen Professorinnen und Professoren vor. Jeronim Perovic untersucht, wie sich Russlands mächtige Rohstoffressourcen auf das Machtgefüge in der gesamten Region auswirken. 

Interview: Marita Fuchs

Herr Perovic, herzlichen Glückwunsch zur Förderungsprofessur an der Universität Zürich. Sie forschen über den europäischen Osten und die Entwicklung von der Sowjetunion zum heutigen Russland. Was ist Ihre hauptsächliche Fragestellung?

Im Kern untersuchen wir den Zusammenhang zwischen Energie und Macht, wie er sich in seinen vielfältigen und wechselseitigen Zusammenhängen von der frühen Sowjetzeit bis zum Russland der Gegenwart darstellt. Wir begreifen Energie dabei sowohl als Mittel der Herrschaftssicherung im Innern als auch als Element der Aussenpolitik.

Gleichzeitig interessiert uns die kulturgeschichtliche und gesellschaftliche Seite der Energiepolitik: Wir wollen über das Nachzeichnen energiepolitischer Entscheidungsprozesse einen Einblick darüber gewinnen, wie zu verschiedenen Zeitabschnitten über die Umgestaltung der Gesellschaft, die Organisation der politischen Macht oder die internationalen Beziehungen nachgedacht wurde.

Pipeline-Pumpstation: Öl und Gas prägen die politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Europa und Russland. (Bild: Wilfra, wikimedia)

Werden Sie auch auf das Verhältnis zwischen Russland und Europa eingehen?

Wir richten in unserem Forschungsprojekt unser Augenmerk auf Erdöl und Erdgas also auf die beiden Energieträger, die bis heute die politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Europa und Russland nachhaltig prägen.

Nicht nur ist Europa abhängig von russischen Energielieferungen; auch Russland erzielt aus dem Verkauf von Rohstoffen riesige Einnahmen, von denen ein grosser Teil direkt in die Staatskasse fliesst. Das Forschungsprojekt fragt danach, wie es zu diesen Abhängigkeiten gekommen ist, wie sie in der Vergangenheit wahrgenommen wurden, und was sich heute gegenüber früher verändert hat.

Wie wirkte sich das Rohstoffpotenzial auf das Selbstverständnis der russischen Gesellschaft aus?

Das Vorhandensein von natürlichen Ressourcen sagt noch nichts darüber aus, weshalb ein Land in seiner Vergangenheit einen bestimmten Entwicklungsweg beschritten hat. Die Frage, wie die energetischen Möglichkeiten genutzt werden, hängt davon ab, wie Menschen diese Möglichkeiten in einem bestimmten kulturellen Kontext wahrnehmen und deuten.

Jeronim Perovic zum Kaukasus: «Der Islam ist nicht das Problem.» (Bild: PD)

Bereits die Bolschewiki in der frühen Sowjetzeit schrieben der Energie mehr als nur eine volkswirtschaftliche Bedeutung zu. In ihrem ideologisierten Verständnis hatte die Energiegewinnung immer auch einen imminent wichtigen machtpolitischen und gesellschaftlichen Stellenwert.

Energetische Grossprojekte symbolisierten den utopischen Fortschrittsgedanken und eigneten sich im Rahmen agitatorischer Kampagnen zur Mobilisierung der Gesellschaft. Die Steigerung der Energiegewinnung wurde gleichgesetzt mit einer Vermehrung von Macht, die nicht nur nach innen, sondern auch nach aussen ausstrahlen sollte.

Russland ist ein Vielvölkerstaat. Vor allem im Kaukasus ist die Situation verworren. Weshalb gerade dort?

Als Vielvölkerregion war der Kaukasus schon immer ein besonders heikles Gebilde und Eingriffe von aussen sind problematisch. Russland ist nicht schuld an allen Problemen in der Region, aber das oft hemdsärmelige Vorgehen, besonders das militärische Eingreifen in Tschetschenien in den 1990er Jahren, hat die Probleme massiv verschärft.

Heute ist Russland im Nordkaukasus zwar militärisch weniger aktiv, doch Moskau spielt insofern eine grosse Rolle, als es lokale Machthaber stützt, die oft korrupt und völlig unfähig sind, die Probleme selber zu lösen.

Nehmen die Sicherheitskräfte viel zu wenig Rücksicht auf dort gewachsene, häufig islamische, Strukturen? Medwedews Vorgänger Wladimir Putin jedenfalls ist mit seinem Versuch die Region mit totaler militärischer Gewalt zu zähmen, komplett gescheitert.

Der Islam ist nicht das Problem. Die Forderung Tschetscheniens nach Unabhängigkeit in den 1990er Jahren war nicht religiös motiviert. Der Krieg zwischen dem russischen Staat und Tschetschenien wurde aber zunehmend von radikalen islamistischen Kräften, die zum Teil aus dem arabischen Raum kamen, vereinnahmt und erhielt so eine religiöse Komponente.

Heute ist das grösste Problem darin zu sehen, dass die Nordkaukasusregion von Russland weitgehend isoliert ist. Die Jugendlichen haben kaum Zukunftschancen. In den einzelnen Gebieten herrscht Nepotismus und Korruption. In Russland selber sind die Kaukasier Bürger zweiter Klasse und zunehmend unerwünscht. Dies alles schafft Bedingungen dafür, dass gerade Jugendliche in die Kriminalität oder in die Hände von Radikalen getrieben werden.

Mit tödlicher Regelmässigkeit kehrt der Terror nach Moskau zurück. Befürchten Sie Anschläge auch in der Zukunft?

Ja, ich befürchte, dass es weiter zu Anschlägen kommen wird. Weil die Islamisten in der Nordkaukasusregion selber stark unter Druck sind, suchen sie nach Zielen ausserhalb der Region. In klassischer terroristischer Manier führen sie Anschläge aus, um möglichst effektvoll auf sich aufmerksam zu machen und Angst und Schrecken zu verbreiten. Neuralgische Punkte der russischen Macht wie Flughäfen, Bahnverbindungen oder U-Bahn-Stationen in Moskau bieten sich dafür an. In der Region selber richten sich die Anschläge vor allem gegen die Symbole der Staatsmacht wie Polizeistationen und andere Sicherheitseinrichtungen.

Zur Person: Jeronim Perovic (39)

  • Studium der Allgemeinen Geschichte, Politikwissenschaft und Russischen Literatur an der Universität Zürich. Einjähriger Studienaufenthalt an der Russischen Staatlichen Humanistischen Universität in Moskau. Lizentiatsarbeit zu den sowjetisch-jugoslawischen Beziehungen im beginnenden Kalten Krieg.
  • Promotion an der Universität Zürich 2000 mit einer Arbeit zum russländischen Regionalismus in den 1990er Jahren. Laufendes Habilitationsprojekt zur Situation des Nordkaukasus in der Stalin-Zeit am Historischen Seminar der Universität Basel.
  • Jeronim Perovic war bis Februar 2008 wissenschaftlicher Mitarbeiter des «Center for Security Studies» der ETH Zürich und für den Forschungsbereich Russland/Eurasien zuständig.
  • Perovic war 2003–2005 «Visiting Scholar» am «Davis Center for Russian and Eurasien Studies» der Universität Harvard und 2002 am «Kennan Institute des Woodrow Wilson International Center for Scholars» in Washington, DC.
  • SNF-Föderungsprofessuren Der Schweizerische Nationalfonds (SNF) vergibt seit 2000 jährlich Förderungsprofessuren an Nachwuchsforschende, die sich durch hervorragende wissenschaftliche Leistungen und einen viel versprechenden Projektantrag auszeichnen. Die Zusprache umfasst jeweils das Salär des Förderungsprofessors oder der Förderungsprofessorin auf dem Niveau einer Assistenzprofessur, einen Beitrag zur Bildung einer eigenen Forschungsgruppe und einen Beitrag an die Infrastrukturkosten. Die Beitragsdauer beträgt vier Jahre und kann um maximal zwei Jahre verlängert werden.

    Marita Fuchs ist Redaktorin von UZH News.

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