Abschied von der Generation 47

Jörg Fisch: «Ich glaube nicht an Generationen»

Ende des Frühjahrssemesters 2012 wurden neun Professoren der Universität Zürich emeritiert. Sie alle gehören der Nachkriegsgeneration an: Geburtsjahr 1947. UZH News wollte von Jörg Fisch wissen, was ihn geprägt hat und wie seine Zukunftspläne aussehen. 

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«Mich interessiert, wie der relativ vage Begriff 'Menschenrechte' innerhalb weniger Jahrzehnte zum Inbegriff alles Guten in der Welt werden konnte.» Jörg Fisch, Professor für allgemeine neuere Geschichte. (Bild: zVg)

Sie wurden 1947 geboren. Was zeichnet  Ihre Generation im Vergleich zu früheren oder späteren aus?

Ich glaube nicht an Generationen.

Sie entschieden sich für eine Karriere an der Universität. Was war Ihre prägendste Erfahrung an der UZH?

Als ich mich zu einer Karriere an der Universität entschloss, war ich nicht in der Schweiz. Zur prägendsten Erfahrung wurde der Aufbau einer neuen Universität in Bielefeld.

Nach der Erfahrung eines Neubaus kam in Zürich diejenige eines Umbaus, der durch die Expansion des Hochschulwesens erforderlich wurde. Das war schwieriger und mühsamer als die Arbeit in den offenen Strukturen eines Neubeginns und stellte deshalb in mancher Hinsicht auch die grössere Herausforderung dar. Als besondere Leistung empfinde ich es, dass es den einzelnen Fächern ungeachtet einer Explosion der Bürokratie gelungen ist, im Kern wissenschaftsorientiert zu bleiben und sogar gemeinsam neue Orte des Wissenschaftsbetriebs aufzubauen. Der Geist der Universität Zürich hat sich glücklicherweise gegenüber der UZH zu halten vermocht.

Was war für Sie der Höhepunkt Ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit?

Die Veröffentlichung meines ersten Buches (Krieg und Frieden im Friedensvertrag. Eine universalgeschichtliche Studie über Grundlagen und Formelemente des Friedensschlusses, Stuttgart 1979).

Jörg Fisch in der NZZ-Rubrik «Neu an der Universität» vom 6.1.1988 (Bild: zVg)

Welche Themen werden Sie in Zukunft weiter verfolgen?

Weltgeschichte und Menschenrechte. Das sind zwei grosse, ja übergrosse Themen, denen ich mich im Verlauf der Jahrzehnte stets nur mit Vorsicht und Zurückhaltung zu nähern gewagt habe, die aber gerade deswegen auch eine besondere Anziehungskraft auf mich ausgeübt haben und weiterhin ausüben.

Ich habe bereits zweimal zwar keine Weltgeschichte verfasst, wohl aber ein Thema durch die Weltgeschichte hindurch verfolgt: das Problem des Friedensschlusses (in der Dissertation) sowie die Totenfolge, wenn Lebende aus welchen Gründen auch immer Toten in den Tod folgen. Gelegenheit, das Thema wieder aufzugreifen und gleichzeitig auszuweiten, ergibt sich aus meiner Beteiligung an der Herausgabe der «Neuen Fischer Weltgeschichte» und darin speziell eines Bandes zu übergreifenden Themen.

Das zweite Thema ist primär mit einem kritischen Ansatz verbunden. Wie kommt es, dass ein relativ vager Begriff wie ‚Menschenrechte’ innerhalb weniger Jahrzehnte zum Inbegriff alles Guten in der Welt wird, wobei dieses Gute erst noch eine Sache des Rechts und nicht der Politik ist? Weshalb erhält ein Recht eine geradezu messianische Funktion, und kann es dieser Funktion gerecht werden? Oder wird es zum blossen Opium für das Volk?

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