Mercator Award

Als Sikh in Zürich

Wie reagiert eine Nonne, wenn andere über ihre Tracht spotten? Mercator-Preisträgerin Jacqueline Grigo untersucht, wie sich die Sichtbarkeit von Religion im öffentlichen Raum auf deren Trägerinnen und Träger auswirkt. 

Marita Fuchs

Freut sich über die Auszeichnung: Preisträgerin Jacqueline Grigo. (Bild: Marita Fuchs)

Ein religiöser Sikh trägt Bart und einen Turban, um seine Haare zu bedecken, die als heilig gelten. Eine Nonne kleidet sich in ihre Ordenstracht. Eine muslimische Frau bedeckt sich mit einem Kopftuch. All diese Menschen zeigen ihre religiöse Zugehörigkeit durch ihre Kleidung und Tracht. Doch welche Vorstellungen, Motive und Überzeugungen stehen dahinter? Wie werden die Träger von Aussenstehenden wahrgenommen, und wie wirkt sich das wiederum auf die Träger religiöser Kleidung aus? Diesen Fragen ging die Ethnologin und Religionswissenschaftlerin Jacqueline Grigo in ihrer Dissertation nach.

«Das ist ein Taliban»

Sechs Personen und ihre Kleidungspraktiken und Deutungen hat Grigo näher untersucht: einen Sikh, eine katholische Nonne, einen buddhistischen Mönch, eine muslimische Frau, einen orthodoxen Juden und ein Mitglied der so genannten «Schwarzen Braut» aus der Metal und Gothic Szene.

Dabei arbeitete Grigo mit qualitativen Interviews und audiovisuellen Methoden. Interviews und Filmmaterial zeigen deutlich, wie Reaktion und Gegenreaktion auf religiöse Zeichen heute in der Schweiz ablaufen. So wird der Sikh in den meisten Fällen skeptisch betrachtet. Es fällt auch schon mal die Bemerkung: «Das ist ein Taliban». Oder der jüdisch-orthodoxe Mann erzählt, er werde auf der Strasse manchmal beschimpft. Solche Reaktionen sind verletzend, die Betroffenen fühlen sich aussenstehend, zuweilen wie Exoten.

Unterschiedliche Strategien

Darauf reagieren sie mit unterschiedlichen Strategien. Wie zum Beispiel Rückzug oder Anpassung. So hat der Sikh, ein Informatiker aus Zürich, für die Jobsuche seine Haare abgeschnitten und den Bart rasiert. Da er dies längerfristig nicht mit seinem religiösen Gewissen vereinbaren konnte, trägt er heute wieder Turban und Bart.

Eine weitere Strategie ist die Flucht nach vorn. So bei der muslimischen Frau. Sie erzählt: «Ich gehe mit dem Kopftuch absichtlich überall hin, an Konzerte, in die Disco, ins Schwimmbad, dass alle sehen; ‚Aha! Solche Leute kommen auch hierher!». Damit versuche sie aktiv stereotype gesellschaftliche Zuschreibungspraktiken umzuarbeiten, sagt die Forscherin. Grigo zeigt in ihrer Arbeit die vielfältigen Wechselwirkungen von Selbstwahrnehmung und Zuschreibung durch Aussenstehende – ein spannender, dynamischer Prozess.

Die Dissertation von Jacqueline Grigo erscheint voraussichtlich im Januar 2015 im transcript Verlag.

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Marita Fuchs, Redaktorin UZH News.

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