Myanmar

Ein Land im Wandel

Seit 2010 öffnet sich Myanmar politisch und wirtschaftlich. Der Ethnologe Georg Winterberger untersucht in seiner Dissertation, wie sich dies auf den Alltag der Bevölkerung auswirkt. Mit einer Tagung an der UZH will er gleichzeitig Myanmar-Forschende vernetzen.

Adrian Ritter1 Kommentar

Die Öffnung von Myanmar ist für die Bevölkerung vor allem wirtschaftlich spürbar, positiv wie negativ – Markt in Mawlamyine. (Bild: Georg Winterberger)

Myanmar ist im Umbruch – auch was die Wissenschaft anbelangt. So ist es den Universitäten des südostasiatischen Landes neuerdings erlaubt, mit ausländischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern Kontakt zu pflegen. Die Universität Zürich nutzte dies bereits, um im November 2014 ein «Memorandum of Understanding» mit der Mandalay University im Norden von Myanmar abzuschliessen. Die beiden Universitäten bekräftigen damit das gemeinsame Interesse an einer Forschungszusammenarbeit.

Es ist das erste derartige Abkommen einer Schweizer Universität. Zustande gekommen ist es über den Kontakt von Georg Winterberger, Geschäftsführer und Doktorand am Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft (ISEK) der Universität Zürich, mit dem Department of Anthropology an der Universität Mandalay.

Boom mit Auswirkungen

Winterberger will die Chance, dass sich Myanmar für die Wissenschaft öffnet, auch für seine eigene Forschung nutzen: «Es ist die seltene Gelegenheit, ein Land zu untersuchen, das sich rasant von einer sehr isolierten in eine vernetzte, den globalen Einflüssen ausgesetzte Gesellschaft wandelt.»

In seiner Dissertation will er untersuchen, wie sich dieser Wandel auf den Alltag der Menschen auswirkt: Können sie die neuen wirtschaftlichen Möglichkeiten nutzen, indem sie etwa ein Kleingewerbe oder eine Touristenunterkunft eröffnen? Können sie sich die neu erhältlichen Konsumgüter wie Mobiltelefone überhaupt leisten?

Winterberger ist überzeugt: Die Öffnung des Landes ist für die Bevölkerung vor allem wirtschaftlich spürbar – positiv wie negativ. Der Wegfall der Sanktionen bescherte Myanmar einen Boom, was Investitionen, Handel und Tourismus anbelangt. Das hat sich aber auch auf das Preisniveau ausgewirkt: «Die Bodenpreise in der Hauptstadt Yangon sind inzwischen vergleichbar mit denjenigen in New York», so Winterberger.

Zusammenarbeit mit der UZH geplant: Mitarbeitende des Department of Anthropology an der Universität Mandalay. (Bild: Georg Winterberger)

Seltener Sprachkurs

Georg Winterbergers Interesse für Myanmar wurde auf einer privaten Asienreise im Jahre 2003 geweckt – weite Teile des Landes waren damals für Touristen nicht zugänglich. Als die Militärdiktatur die Öffnung einleitete, wuchs in Winterberger der Wunsch, sich in seiner ethnologischen Dissertation mit Myanmar zu beschäftigen. Er besuchte einen Burmesisch-Sprachkurs, den der Linguist Mathias Jenny an der UZH anbot – eine seltene Gelegenheit, denn die Sprache lässt sich in Europa ansonsten kaum erlernen.

Von September 2015 bis Juni 2016 plant Georg Winterberger die Feldforschung für seine Dissertation. Mit seiner Frau und den zwei kleinen Kindern wird er dafür nach Mawlamyine reisen – die viertgrösste Stadt des Landes mit rund 300'000 Einwohnerinnen und Einwohnern. Die Stadt eigne sich für seine Forschungsfrage, weil sie verschiedene Verdienstmöglichkeiten biete: von den umliegenden Gummiplantagen über den Fischfang bis zum aufkommenden Tourismus.

Der Ethnologe will mit seiner Dissertation nicht nur eine Forschungslücke schliessen helfen, sondern auch Wissen schaffen, das beispielsweise für die Akteure der Entwicklungszusammenarbeit hilfreich ist. So hat die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) in Myanmar unter anderem Projekte gestartet, mit denen sie Familienbetriebe im Bereich Fischerei und Gummiplantagen stärken will.

Organisiert die Tagung zur Vernetzung von Myanmar-Forschenden: Ethnologe Georg Winterberger. (Bild: Adrian Ritter)

Tagung im Juli

Georg Winterberger ist nicht der Einzige, der sich an der UZH mit Myanmar beschäftigt. Mathias Jenny, André Müller, Rachel Weymuth und Patrick McCormick untersuchen am Institut für Vergleichende Sprachwissenschaft die Sprachenvielfalt des Landes. In Myanmar sind mehrere südostasiatische Sprachfamilien vertreten – unter anderem sino-tibetische, austroasiatische und Tai-Kadai-Sprachen.

Gemeinsam mit den Sprachforschenden hat Georg Winterberger eine Website geschaffen, um die Myanmar-Forschung an der UZH sichtbar zu machen. Um die Myanmar-Forschenden im ganzen deutschsprachigen Raum zu vernetzen, organisiert Winterberger vom 23. bis 25. Juli 2015 an der UZH eine Tagung. Der Aufbruch für das Land und die Myanmarforschung hat erst begonnen.

Myanmar oder Burma?

Georg Winterberger verwendet konsequent die Landesbezeichnung Myanmar, nicht Burma. Erst die britische Kolonialmacht habe Myanmar im 19. Jahrhundert in Burma umgetauft, so Winterberger. Dass es die Militärdiktatur war, die dies 1989 wieder rückgängig machte, möge einige gestört haben, aber inhaltlich mache es Sinn. Dies auch aus ethnologischer Sicht: «Der Begriff Burma bezeichnet das ‹Land der Burmesen›. In Myanmar leben aber mehr als hundert Ethnien.»

Adrian Ritter ist Redaktor von UZH News.

1 Leserkommentar

Kathleen Jaedtke schrieb am Myanmar entwickelt sich bereits rasant Wir waren Anfang des Jahres in Myanmar und sehr erstaunt, wie weit sich der Lebensstandard in den (touristischen) Städten schon gewandelt hat. Mönche mit modernen Mobiltelefonen, moderne Autos auf den Straßen inklusive Edelsportwagen, viel Werbung, wie man sie bei uns kennt.

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