Klinischer Forschungsschwerpunkt

Neue Therapien gegen Leberkrebs

Die Leber ist das einzige Organ des menschlichen Körpers, das nachwachsen kann. Im Klinischen Forschungsschwerpunkt «Liver Tumors» wird untersucht, wie diese Fähigkeit bei der Heilung von Leberkrebs genutzt werden kann. UZH News stellt die elf Klinischen Forschungsschwerpunkte in loser Folge vor.

Adrian Ritter

Entwickelt und erforscht neue Behandlungsmöglichkeiten für Patienten mit Leberkrebs: Professor Pierre-Alain Clavien (Bild: Adrian Ritter)

Die Leber ist ein kleines Wunder. Sie ist das einzige Organ des menschlichen Körpers, das sich regenerieren, also nachwachsen kann. Auf diese Eigenschaft bauen die neuen Ansätze zur Behandlung von Leberkrebs, die am Universitätsspital Zürich angewandt und im Rahmen des Klinischen Forschungsschwerpunkts «Liver Tumors – from palliation to cure» der Universität Zürich parallel dazu erforscht werden.

Rund 700'000 Menschen erkranken weltweit jährlich an einem Lebertumor. Leberkrebs ist damit eine der häufigsten Krebsarten. Zu den Risikofaktoren gehören Infektionen mit Hepatitis-B und C, Alkoholmissbrauch und ungesunde Ernährung. Der grösste Teil der Patienten aber leidet an einer anderen Krebsart, die Metastasen in der Leber bildet. Besonders häufig tritt dies bei Dickdarmkrebs auf.

Wenn immer möglich werden Lebertumore chirurgisch entfernt. Innerhalb weniger Wochen kann eine gesunde Leber den Verlust von bis zu 70 Prozent ihres Gewebes kompensieren. Oft ist der verbleibende gesunde Teil allerdings zu klein, um sich zu regenerieren. Mehr als 90 Prozent der Leberkrebserkrankungen sind deshalb nicht heilbar. Auch Lebertransplantationen sind selten eine Lösung – zu gross ist der Mangel an Spenderorganen.

In zwei Schritten zur Heilung

Jetzt macht ein neues Operationsverfahren mit dem sperrigen Namen «Associating Liver Partition and Portal Vein Ligation for Stages Hepatectomy» (ALPPS) Hoffnung. Es setzt auf die Fähigkeit der Leber, sich zu regenerieren: In einer ersten Operation wird der kranke Teil der Leber vom gesunden Teil getrennt und die Blutzufuhr zum kranken Leberteil gestoppt. Dies erhöht den Blutfluss in den gesunden Teil, der in der Folge innerhalb einer Woche um bis zu 100 Prozent nachwächst. Danach kann in einer zweiten Operation der kranke Leberteil entfernt werden.

ALPPS erlaubt es, bis zu 90 Prozent der Gesamtleber zu entfernen – auch bei einer zuerst sehr kleinen gesunden Restleber. Angewandt wird ALPPS entsprechend vor allem, wenn der Tumor sehr gross ist. Weltweit rund 430 Patientinnen und Patienten sind bisher mit der neuen Methode operiert worden.

In Klinik und Forschung

Am Universitätsspital Zürich hat Professor Pierre-Alain Clavien, Direktor der Klinik für Viszeral- und Transplantationschirurgie, bisher 33 Patienten mit ALPPS operiert. Er ist vom Nutzen der neuen Methode überzeugt: «ALPPS wird sich bei fortgeschrittenem Lebertumor als die Methode der Wahl durchsetzen. Allerdings muss die Methode noch verbessert werden, die Operationsrisiken sind derzeit noch hoch.»

Clavien praktiziert ALPPS aber nicht nur als Chirurg, er betreibt auch Grundlagenforschung zur Leber, evaluiert die neue Operationsmethode und versucht sie zu verbessern. Im Zusammenhang mit ALPPS stellen sich nämlich zahlreiche Fragen: Warum regeneriert sich die Leber derart schnell mit dem neuen Verfahren? Für welche Patienten ist diese Art der Operation geeignet? Warum erzielt ALPPS gute Resultate bei Patienten mit Dickdarmkrebs, die Lebermetastasen haben, aber nicht bei gewissen anderen Krebsarten?

In klinischen und experimentellen Studien geht die 12-köpfige Forschungsgruppe von Clavien diesen Fragen nach. Finanziert wird ihre Arbeit unter anderem vom Schweizerischen Nationalfonds und vom 2012 gestarteten Klinischen Forschungsschwerpunkt «Liver Tumors – from palliation to cure» der Universität Zürich.

Eine Leber für viele

Ein weiteres Projekt von Pierre-Alain Clavien könnte die Behandlung von Leberkrebs in Zukunft noch tiefgreifender verändern. Eine Leber kann heute – etwa bei einer Lebertransplantation – maximal 12 Stunden ausserhalb des Körpers überleben. Die Leberspezialisten am USZ möchten eine Maschine entwickeln, welche die Leber ausserhalb des Körpers mit Blut versorgt und das Organ bis zu einer Woche am Leben erhalten kann. Im Idealfall soll die Leber in der «Lebermaschine» auch wieder wachsen.

Dies würde es erlauben, Patienten ein kleines Stück Leber zu entfernen und nach dem Wachstum in der Maschine wieder zu implantieren. Auch bei einer Organspende würde die Lebermaschine neue Möglichkeiten eröffnen: Eine gespendete Leber könnte in mehrere Teile zerlegt und in der Lebermaschine wachsen. So könnte eine einzige Organspende nicht nur einem, sondern mehreren Patienten helfen.

In fünf bis sieben Jahren sollte die Maschine, gemeinsam mit Professor Philipp Rudolf von Rohr von der ETH Zürich entwickelt sein, hofft Clavien. Neben dem Klinischen Forschungsschwerpunkt und dem Schweizerischen Nationalfonds kann er auch auf Mittel aus dem neu gegründeten Wyss Translational Center zählen. Dieses will technische Innovationen schneller für die klinische Anwendung nutzbar machen und startet mit vier Projekten. «Zurich Liver» ist eines davon und unterstützt damit Entwicklungen, bei denen die UZH und das Universitätsspital Zürich international an der Spitze der Leberforschung mittun.

Adrian Ritter ist Redaktor von UZH News.

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