Kommunikationswissenschaft

Surfen lernen

Der Schweizerische Nationalfonds hat UZH-Kommunikationswissenschaftlerin Eszter Hargittai per April 2018 in den Nationalen Forschungsrat gewählt. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich unter anderem mit der Frage, wie unterschiedlich Menschen vom Internet profitieren können.

Theo von Däniken

Eszter Hargittai
Eszter Hargittai
«Die Internet-Nutzung akzentuiert bestehende soziale Ungleichheiten eher, anstatt sie auszugleichen»: Kommunikationswissenschaftlerin Eszter Hargittai. (Bild: zVg)

 

Auch wenn in der Schweiz gemäss Bundesamt für Statistik 93 Prozent aller Haushalte im Jahre 2016 über einen Breitband-Internetzugang verfügten –  ganz gleichmässig verteilt ist er nicht: Wer älter ist, über weniger Einkommen verfügt oder eine weniger gute Bildung aufweist, hat in der Schweiz deutlich seltener Zugang zum Internet. In Haushalten mit tiefem Bildungsniveau (obligatorische Schule) liegt der Wert beispielsweise bei unter 70 Prozent.

Diese Unterschiede im Zugang haben sich in den vergangenen Jahren stark verringert. Gemäss Eszter Hargittai, Professorin am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der UZH, hat sich der Fokus in den letzten Jahren verschoben, weg von der Frage des Zugangs, hin zur Frage, wie unterschiedliche Kompetenzen die Art der Internet-Nutzung beeinflussen. Dabei, so Hargittai, übertragen sich sozial und ökonomisch begründete Ungleichheiten, die beim Zugang sichtbar waren, auch auf die Nutzung.

Fehleinschätzungen mit Folgen

Zugang für alle schwächt diese Ungleichheiten nicht ab, sondern tendiert paradoxerweise dazu, sie eher noch zu verstärken, so Hargittais Beobachtung. Dazu trägt nicht unwesentlich eine falsche Einschätzung der Internet-Kompetenzen junger Menschen bei. «Es gibt diesbezüglich zwei Annahmen, die zwar weit verbreitet, aber falsch sind», so Hargittai.

Die erste Annahme ist, dass junge Menschen, die mit dem Internet gross geworden sind – so genannte «digital natives» – allein deshalb schon besonders gewieft im Umgang damit sind. Es gibt aber grosse Unterschiede, wofür junge Menschen das Internet nutzen, wie sie sich auf sozialen Medien verhalten und wie stark sie sich in Online-Aktivitäten einbringen. Nicht alle, die dauernd online sind, können aus dieser Aktivität auch einen Nutzen ziehen.

Die zweite Annahme lautet, dass jüngere Menschen automatisch besser sind im Umgang mit dem Internet als ältere, von diesen also nichts lernen können. Auch dies, so zeigen Studien, trifft nicht zu. «Teenager oder Menschen in den Zwanzigern kennen sich mit Technologie nicht besser aus, als jemand, der 35 oder 40 ist», erklärt Hargittai.

Im Gegenteil, in bestimmten Bereichen, etwa wenn es darum geht, die Glaubwürdigkeit von Informationen abzuschätzen, schneiden ältere Personen deutlich besser ab. Auch haben jüngere Menschen oft wenig Ahnung, wie das Internet als System funktioniert. «Ich war schockiert zu sehen, dass junge Menschen um die Zwanzig kaum eine Ahnung haben, was eine URL ist, und was die verschiedenen Teile einer Web-Adresse bedeuten», so Hargittai. Wissen, das helfen würde, die Glaubwürdigkeit und Qualität von Informationen einzuschätzen oder betrügerische Websites zu erkennen.

Surfen in der Schule

Beide Annahmen über die vermeintlich besser ausgeprägten Internet-Kompetenzen junger Menschen tragen nach Hargittais Überzeugung dazu bei, dass insbesondere Jugendliche die spezifischen Kenntnisse, die für den Umgang mit dem Internet wichtig sind, nie richtig lernen. Entsprechende Kenntnisse sollten deshalb in der Schule vermittelt werden, wünscht sich Hargittai.

Weiss man, wie und wo Informationen zu suchen? Ist man fähig, die Glaubwürdigkeit und Korrektheit dieser Informationen einschätzen? Ist man sich bewusst, wie man seine Daten schützen kann? Je mehr Know-how jemand in diesen Fragen hat, das zeigt Hargittais Forschung, desto aktiver und breiter nutzt er oder sie das Internet, desto eher kann die Person Nutzen daraus ziehen.

Bildung, sozialer Status und Geschlecht

Wer mehr und wer weniger von diesen Kompetenzen hat, ist dabei unter anderem abhängig vom sozialen und wirtschaftlichen Status der Person oder ihres Elternhauses. «Dass Einkommen und Ausbildung einer Person beeinflussten, ob sie überhaupt Zugang zum Internet hatte, ist schon lange bekannt. Dieselben Faktoren spielen auch im Hinblick auf die Kompetenzen eine Rolle», erklärt Hargittai. «Personen, die aus weniger privilegierten Verhältnissen stammen, haben tendenziell auch weniger Kompetenzen im Umgang mit dem Internet.»

In einer Studie mit mehreren hundert Erstsemester-Studierenden der University of Illinois in Chicago ging Hargittai unter anderem der Frage nach, wie diese das Internet nutzten. In der bezüglich Alter und Bildungsstand relativ homogenen Gruppe zeigten sich deutliche Unterschiede, die mit dem sozioökonomischen Status, mit dem Geschlecht und dem ethnischen Hintergrund zusammenhängen.

Wer aus einem Elternhaus mit akademischer Bildung kommt, nutzt das Internet breiter als Studierende aus einem weniger gebildeten Elternhaus; Männer surfen auf deutlich mehr unterschiedlichen Websites als Frauen; Studierende mit hispanischen Wurzeln rufen eine weniger breite Palette von Websites auf als Studierende mit anderem ethnischen Hintergrund. Dieselben Gruppen weisen auch weniger Know-how im Umgang mit dem Internet auf.

Konsequenzen schwer erfassbar

Auch bei Personen im gleichen Alter, mit gleicher Bildung, die Zugang zum Internet haben, bestimmen also Geschlecht, sozialer Status oder ethnische Herkunft, wer welche Kompetenzen im Umgang mit dem Internet hat und wer das Internet zu welchem Zweck nutzt. Welche Konsequenzen haben aber diese Ungleichheiten? Beeinflusst dies beispielsweise die Möglichkeiten am politischen Prozess oder an politischen Entscheiden teilzunehmen? Wirkt es sich auf die Chancen aus, eine  Stelle zu finden? Eine Antwort auf diese Fragen ist schwierig. «Es wäre sehr aufwändig, die entsprechenden Daten zu erheben», erklärt Hargittai das weitgehende Fehlen von entsprechenden Studien.

Kompetenzen bilden

Wer also profitieren kann und wer nicht, ist schwierig zu erfassen. Doch ist davon auszugehen, dass wer weniger im Internet macht, auch die Chancen, die sich bieten weniger nutzen kann. «Die Momentaufnahmen, die wir haben, zeigen, dass die weniger privilegierten sich weniger gut im Internet auskennen und weniger Dinge online machen», erklärt Hargittai. «Dies nährt die Vermutung, dass die Internet-Nutzung bestehende soziale Ungleichheiten eher akzentuiert, anstatt sie auszugleichen.» Beispielsweise stellen Frauen, Mitglieder von Minderheiten oder Personen mit niedrigem sozioökonomischen tendenziell weniger Inhalte wie Bilder, Videos, Blog-Posts und so weiter ins Netz. Ihre Stimmen und Standpunkte werden deshalb auch weniger gehört.

Dabei spielt aber nicht nur der soziale Status eine Rolle. Wie aktiv und divers jemand das Internet nutzt, lässt sich ebenso damit erklären, wie ausgeprägt das Know-How und wie gross die Erfahrung im Internet sind. Hargittai sieht deshalb grosse Möglichkeiten, die bestehenden Ungleichheiten durch bessere Ausbildung auszugleichen: «Es wäre wichtig, dass die Schule erkennt, dass Internet-Kompetenzen ein wichtiges Thema sind.» Bisher ist dies nach Hargittais Beobachtung im Ausbildungssystem noch zu wenig berücksichtigt. Dabei geht es nicht nur um Kompetenzen im Umgang mit dem Internet, sondern um ein breiteres Verständnis der digitalen Welt, was etwa Algorithmen sind, was Daten bedeuten und wie man damit umgehen kann. «Es ist wirklich erstaunlich, wie wenig die meisten Leute davon verstehen», so Hargittai.

Eszter Hargittai wird SNF-Forschungsrätin

Der Schweizerische Nationalfonds hat UZH-Professorin Eszter Hargittai per 1. April 2018 in den Nationalen Forschungsrat gewählt. Dieser ist zuständig für die Evaluation der Forschungsgesuche und die Finanzierungsentscheidungen. Er setzt sich aus maximal 100 führenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zusammen.

Theo von Däniken ist Journalist und Mitarbeiter der Abteilung Kommunikation

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