swissuniversities

«Mit einer Stimme sprechen»

UZH-Rektor Michael Hengartner ist bis Ende 2018 Präsident des Dachverbandes swissuniversities. Im Interview äussert er sich zum bisher Erreichten, zu aktuellen Herausforderungen - und über die Gründe, warum er wieder kandidiert.

Adrian Ritter1 Kommentar

Michael Hengartner
Michael Hengartner
«Dank swissuniversities besteht ein regelmässiger Austausch zwischen Universitäten, Fachhochschulen und Pädagogischen Hochschulen. Dadurch ist das Verständnis füreinander gewachsen»: swissuniversities-Präsident Michael Hengartner. (Bild: Frank Brüderli)

 

Michael Hengartner, Anfang 2015 wurde swissuniversities als Dachverband des Schweizer Hochschulwesens gegründet. Seit 2016 sind Sie Präsident des Verbandes. Was war für Sie das erfreulichste Ereignis der ersten zwei Amtsjahre?

Michael Hengartner: Ich bin sehr erfreut darüber, dass die drei vorher unabhängig aufgetretenen Gruppen der Universitäten, Fachhochschulen und Pädagogischen Hochschulen so schnell zusammengefunden haben. Vor 2015 gab es getrennte Dachverbände. Dank swissuniversities besteht jetzt ein regelmässiger Austausch, wodurch das Verständnis füreinander gewachsen ist. So verstehen sich Universitäten, FHs und PHs heute als eine Hochschullandschaft und sprechen mit einer Stimme. Das ist ein grosser Mehrwert.

Inwiefern?

Es hat uns erlaubt, Lösungen zu finden bei vorher umstrittenen Fragen. Ein Beispiel: Swissuniversities unterstützt neu die Doktoratsausbildung an den Fachhochschulen und Pädagogischen Hochschulen, die auf der Kooperation mit einer Universität in der Schweiz oder im Ausland basieren. Damit wollen wir bis 2025 Erfahrungen sammeln. Diese Lösung wäre kaum möglich gewesen, wenn Universitäten und Fachhochschulen nicht im Rahmen von swissuniversities das nötige gegenseitige Vertrauen hätten aufbauen können. Ein anderer wichtiger Mehrwert von swissuniversities: Weil wir mit einer Stimme sprechen können, werden wir auf der politischen Bühne jetzt viel stärker wahrgenommen. Swissuniversities hat sich nach zwei Jahren als relevanter Akteur und Gesprächspartner etabliert.

Das hat sich ebenfalls konkret ausgewirkt?

Ja, wir konnten Bundesrat und Parlament erfolgreich aufzeigen, dass Investitionen in die Bildung zentral sind. Die Schweiz ist führend, was Innovation und Wettbewerbsfähigkeit anbelangt. Damit das auch in Zukunft so bleibt, müssen wir vor allem auch in Bildung und Forschung investieren. Das Parlament hat im Rahmen der Botschaft zur Förderung von Bildung, Forschung und Innovation 2017–2020 sogar mehr Mittel gesprochen als der Bundesrat beantragte – das geschieht sehr selten. Ein Jahr später wollte der Bundesrat wieder mehr sparen, was das Parlament erneut korrigiert hat. Die Hochschulen sind durchaus bereit, ihren Beitrag beim Sparen zu leisten. Wichtig ist uns aber eine finanzielle Planungssicherheit auf mehrere Jahre hinaus.

Eine grosse Herausforderung bei Ihrem Amtsantritt war das Verhältnis der Schweiz zur EU. Inzwischen kann die Schweiz wieder am Forschungsprogramm Horizon 2020 teilnehmen. Von «Erasmus plus» sind die Schweizer Hochschulen allerdings weiterhin ausgeschlossen. Eine gemischte Bilanz also?

Das ist so. Die Masseneinwanderungsinitiative wirkt immer noch nach; das Verhältnis der Schweiz zur Europäischen Union ist nicht geklärt. Entsprechend könnte auch die Teilnahme am Nachfolgeprogramm von «Horizon 2020» wieder eine Zitterpartie werden. Wichtig ist für die Schweizer Hochschulen zudem, dass sie zumindest ab 2021 wieder voll am Austauschprogramm Erasmus plus teilnehmen können. Der administrative Aufwand für die derzeitige Übergangslösung mit bilateralen Verträgen mit einzelnen Hochschulen ist enorm.

Welche Bedeutung hat der Brexit für die Hochschullandschaft?

Die Schweizer Hochschulen pflegen schon lange enge Verbindungen zu den britischen Universitäten. Gerade aufgrund des Brexit wird es darum gehen, diese noch enger zu knüpfen, etwa mit gemeinsamen Forschungsprojekten und Bildungsprogrammen. Ich glaube, dass uns dies gelingen wird, denn an einem Abbruch der Beziehungen infolge des Brexit ist niemand interessiert. Für die britischen Hochschulen könnte der noch engere Kontakt zu Schweizer Universitäten sogar besonders interessant sein, weil beide Länder in Zukunft ausserhalb der EU stehen werden.

Vor welchen weiteren Herausforderungen stehen die Schweizer Hochschulen und damit swissuniversities?

Eine der grössten Herausforderungen ist die Digitalisierung. Hier erwartet die Gesellschaft von den Hochschulen einerseits Antworten auf Fragen, die die Digitalisierung mit sich bringt: Wie stellen wir sicher, dass die Schweiz von diesen Entwicklungen profitieren kann? Wie unterstützen wir am besten die Verlierer, die es durchaus geben wird? Werden Privatsphäre und Datenschutz noch gewährleistet sein? Andererseits ist die Digitalisierung für die Hochschulen selber eine Herausforderung: Wie werden Forschung und Lehre in Zukunft aussehen? Es ist sinnvoll, wenn nicht jede Hochschule das digitale Rad neu erfindet, sondern wenn wir voneinander lernen – unter anderem im Rahmen von swissuniversities.

Welche weiteren Themen beschäftigen swissuniversities?

Eine grosse Herausforderung ist das Thema Open Science, also der freie Zugang zu wissenschaftlichen Erkenntnissen. Deutschland und die Niederlande haben eine Pionierrolle übernommen und Verhandlungen mit den grossen Verlagen für Wissenschaftspublikationen aufgenommen. Das steht uns auch bevor und wird nicht einfach werden. Heute ist nur etwa ein Drittel der Forschungsergebnisse aus der Schweiz frei zugänglich – wir wollen aber bald 100 Prozent erreichen. Deshalb müssen wir den grossen Verlagen klarmachen: Was öffentlich finanziert wurde, muss auch öffentlich und kostenlos zugänglich sein.

Sehen Sie eine Lösung?

Sinnvoll wäre, wenn die Forschenden nicht mehr für das Lesen, sondern für das Publizieren von wissenschaftlichen Publikationen bezahlen. Das wäre ein gerechtes, nachhaltiges Geschäftsmodell.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten für das Hochschulwesen Schweiz, was wäre das?

Ich würde mir wünschen, dass sich mehr Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in die Politik einbringen. Die Wissenschaft ist untervertreten. Es wäre für beide Seiten eine Bereicherung, wenn sich dies änderte. Forschende können eine faktenbasierte Analyse von Problemen einbringen. Gleichzeitig wären sie durch die Mitarbeit in politischen Gremien noch näher am Puls der Gesellschaft, der sie  letztlich dienen sollen.

Ihre Amtszeit als Präsident von swissuniversities endet Ende 2018. Werden Sie für eine zweite dreijährige Amtszeit kandidieren?

Ja, ich würde mich gerne nochmals zur Verfügung stellen. Ich denke, eine gewisse Kontinuität ist sinnvoll. Ich habe als Präsident viele Beziehungen und auch Vertrauen aufbauen können. Das würde ich gerne weiter nutzen, um die Anliegen der Hochschulen einzubringen. 

Adrian Ritter ist Redaktor UZH News

1 Leserkommentar

Walter Schaffner schrieb am Weiter so! Lieber Michael, ich bin zuversichtlich dass Du gewählt wirst. Wer sonst wird so viel produktiven Einsatz leisten? Herzlich, Walter

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